Von Marianne Kesting

Gleich im ersten Kapitel schleicht Messalina, Kaiserin von Rom und Gattin des göttlichen Claudius, durch die stille Nacht ins Bordell, um dort Leistungen zu vollbringen, die alles Bisherige in den Schatten stellen. Nachdem sie den göttlichen Claudius, einen Soldaten in Lederkleidung, einen mit Bimsstein polierten Athleten, einen Wagenlenker und weitere "Männer, Männer, Männer" absolviert hat, "schloß sie als letzte ihre Zelle, doch die Begierde verzehrte sie noch immer". Trotzdem bin ich geneigt, diesem Roman

Alfred Jarry: "Messalina", aus dem Französischen von Brigitte Weidmann; Verlag Rogner & Bernhard, München; 204 Seiten, 18,– DM

aus der "Bibliotheca erotica et curiosa" mehr Kuriosität denn Erotik zuzusprechen. Des kleinen schmächtigen Jarrys Phantasien sind mehr sprachlicher als sinnlicher Natur. Dem Grundsatz Mallarmés entsprechend, nur zu suggerieren und nicht zu benennen, beschwört er das glänzende Superweib herauf, deren "Schleppen eines bombastischen Kleides zwischen den vorstädtischen Müllhaufen dahinschleifen"‚ eine üppige Verkörperung der römisch-etruskischen Wölfin, und suggeriert, was sie an Männern verspeist, aber er schildert es nicht,

Messalina ist eine Nachfahrin von Flauberts "Salammbo", eine sehr ferne Verwandte von Mallarmés "Hérodias", eine Schwester von Oscar Wildes "Salome" und Pierre Louis’ "Aphrodite", Gefährtin jener zahllosen Vampir-Weiber, die in den schwelgerischen Draperien der Jahrhundertwende dahinschreiten, wollüstig und grausam – bei Jarry eine "erhabene Hure, Fleisch und Blut göttlicher Kaiser, unkenntlich in ihrem düsteren Purpurmantel, dessen einzelne Falten Traufen der Finsternis sind, und im Schwarz ihrer Kapuze entzückt ihre blonde Perücke einen Stern, göttlicher noch als Laurentia, wie die durch den pfeifenden Ruf ihres sterbenden Käuzchens vom Himmel herabbeschworene Nacht selber". Ihre üppige Nacktheit wird – man ahnt es nach diesem Zitat – von Jarry mit einem ins Phantastische sich ausweitenden Sprachprunk verhüllt. Dreiviertel dieses Romans ist Dekor, ganz ähnlich wie in Beardsleys fragmentarischer Erzählung "Under the Hill", die nur eine ornamentale Szenerie entwirft, darauf die Figuren als prunkvolle Kleiderständer einherwandeln.

Jarry freilich ist der bessere Dichter: "Die Terrassen des Lukullus glitzerten in der hohen Sonne der sechsten Stunde, die Pallia der Griechen wogten zwischen den Bogen der Säulenhalle der Bibliothek, die Statuen zwischen den Säulengängen wurden lebendig; die durch eine Lampe hervorgehobene heilige Kuh der persischen Diana, silbernes Abbild derjenigen, die der Gründer der Gärten, welche so schön waren wie die der Könige, am Euphrat geopfert hatte, begann durch die Fontänen des Wassers, des Lichts und der Menge wie ein großer Fisch in der Tiefe des Flusses zu schimmern, und das sechs Fuß hohe Standbild des Mithridates aus purem Gold goß mit seinem Edelsteinschild, diesem Lerchenspiegel, den ganzen Orient über die Blumenbeete

In diesem Dekor gleitet Messalina als lebendige Statue einher, die Embleme Roms mit ihrem eigenen Standbild verschmelzend und darum Verkörperung des alten Sündenbabels selbst: ROMA = AMOR! Die unersättliche Nymphomanin, auf steter Suche nach dem Gott Priapus, erlebt noch ihre eigene Hinrichtung wollüstig als Vergewaltigung.