Zucken im Uterus

Exogene Faktoren beeinflussen die Geburt

Wenn sich eine Hündin aufregt, dann pocht nicht nur ihr Herz schneller, es zucken auch die Muskeln der Gebärmutter. Diese Empfindsamkeit bewies der Amsterdamer Zoologe und Geburtskundler Dr. Cornelis Naaktgeboren mit einer Versuchsanordnung, die man als ein "Elektro-Uterogramm" bezeichnen könnte.

Auf der Jahrestagung der "Deutschen Gesellschaft für Säugetierkunde", die kürzlich in Stuttgart stattfand, erklärte er in seinem Vortrag "Über die Beeinflussung der Geburt durch exogene Faktoren", nicht nur bei "sub-humanen Säugetieren" wie dem Hund gäbe es eine solche Schreckhaftigkeit des Unterleibs, sondern auch beim Menschen.

In ungezählten Fällen haben Zoologen bei den verschiedenen Tierarten bemerkt, daß die Tiermütter den eingeleiteten Geburtsvorgang abstoppen und aufschieben, wenn sie sich beobachtet fühlen oder Störungen ausgesetzt werden. Am bekanntesten ist die Geschichte vom Pferdewärter, der die ganze Nacht bei der trächtigen Stute gewacht hat, sich dann am Morgen schnell eine Tasse Kaffee holt und bei der Rückkehr das muntere Fohlen vorfindet.

Biologisch sinnvoll ist die Fähigkeit, den Geburtsvorgang abbrechen zu können, weil eine aufgestörte oder angegriffene Tiermutter dadurch Gelegenheit hat, sich erst einmal zur Wehr zu setzen und ihr Junges später in einer ruhigen und feindfreien Umgebung zur Welt zu bringen. Aus einigen scherzhaft-polemischen Bemerkungen Dr. Naaktgeborens ist zu entnehmen, daß Tierärzte und Gynäkologen von der Bedeutung "psychogener Einwirkungen" auf die Geburt nicht sehr beeindruckt sind.

Allein durch Ausschalten der Unruhe konnte der Forscher in einem Fall den Anteil der Schwergeburten bei Schafen auf die Hälfte vermindern. An der Utrechter Veterinärklinik wurden zur Vorführung der Geburten die Mutterschafe aus einer Herde herausgefangen. In 50 Prozent aller Fälle (zwanzig von vierzig Geburten) war Veterinärhilfe nötig. Der Zoologe schlug nun vor, die Schafe in ihrer Herde zu belassen, mit dem Erfolg, daß bei den folgenden 57 Geburten der Tierarzt nur noch in 17 Fällen (26,3 Prozent) Hilfe leisten mußte.

Mit Mäusen hat eine amerikanische Psychologin experimentiert. Sie züchtete die Tiere in Glaspokalen und setzte sie jede Stunde um, immer vom Nestpokal in ein ebenso ausgestattetes Gefäß, das jedoch mit Katzenurin parfümiert war, dann wieder zurück und so fort. Die wandernden Mäusemütter hatten viele schwere Geburten, und die meisten hatten zur Geburt jene Stunde abgepaßt, in der sie den Nestpokal bewohnten. Außerdem war unter ihren Nachkommen die Sterblichkeit erhöht.

Zucken im Uterus

Hund mit Steckdose

Wenn nun Störungen den Geburtsvorgang beeinflussen, dann müßte sich der Faden von dem "psychogenen Faktor" bis zu physiologischen Reaktionen in der Gebärmuttermuskulatur verfolgen lassen. Deshalb operierte Naaktgeboren in den Uterus einer nicht trächtigen Hündin an vier verschiedenen Stellen Elektroden ein, die mit einer Art Steckdose an der äußeren Flanke des Tieres verbunden wurden. Der Hund, mit allen Institutsangestellten vertraut, ließ sich nun zu beliebiger Zeit herbeirufen und an ein Gerät anschließen, das die elektrischen Nervenströme seiner Gebärmutter verstärkt und mit einem Kurvenschreiber aufzeichnet.

Der Kurvenverlauf war im allgemeinen ruhig. Gelegentlich registrierte der Schreiber kleine Kontraktionen, wie sie im Uterus normalerweise vorkommen. Beunruhigungen der Hündin sind an der Uterusaktivität leicht zu erkennen. Als einmal ein Photograph, der die Versuchsanordnung aufnehmen sollte, den Raum betrat, zeichnete der Schreiber heftige Ausschläge aufs Papier. Kaum hatte der fremde Mann den Raum verlassen, beruhigte sich die Gebärmutter wieder. Zur Kontrolle betätigte nun ein dem Hund gut bekannter Wissenschaftler Kamera und Blitzgerät, ohne daß die Uterusmuskulatur anomal aktiv wurde. Nur das Auftauchen der fremden Person, so schließt Naaktgeboren, hatte die Gebärmutter so stark reagieren lassen. Eindeutiger noch als reine Verhaltensbeobachtungen hat dieses Experiment die Sensibilität des Uterus belegt.

Allerdings ist die Schreckwirkung beim gebärenden Tier ja gerade umgekehrt. Der Schreck oder die Störung lähmt die Wehentätigkeit, und das heißt: Kontraktionen der Gebärmuskulatur werden unterdrückt. Anders aber bei der nichtträchtigen Amsterdamer Versuchshündin: Die Aufregung über das Erscheinen eines Fremden steigerte die Aktivität eben dieser Muskeln. Indes, der Widerspruch ist auflösbar.

Ein Stoff - zwei Wirkungen

Bei Angst, Schreck oder ähnlichen Affekten veranlaßt das vegetative Nervensystem die Ausschüttung des Hormons Adrenalin. Und die Wirkung von Adrenalin auf die Uterusmuskulatur ist abhängig vom Keimdrüsenhormonzustand des Tieres. Die Versuchshündin war zehn Tage nach der Brunst mit dem Photographen zusammengetroffen. Zu diesem Zeitpunkt hat das Gelbkörperhormon Progesteron das Übergewicht. Unter der Progesteron-Dominanz wirkt Adrenalin stimulierend auf die Gebärmuttermuskulatur.

In der Geburtsphase aber wird der Progesteron-Spiegel vom Östrogenspiegel überflügelt. Und beim Vorherrschen von Östrogen wirkt das Adrenalin hemmend auf die Uterusaktivität.

Zucken im Uterus

Nun ist auch vom Menschen bekannt, daß Unruhe auf den Geburtsablauf ungünstig einwirkt. Und in den Kliniken wundert man sich über die häufig auftretende Wehenschwäche. Mit werdenden Müttern verfährt man jedoch wie mit den von Pokal zu Pokal umgesetzten Mäusen. Bei Eintritt der Wehen bringt man die Frauen in die Klinik. Dort werden sie in ein Bett gesteckt und beruhigt. Sobald die Wehen wieder einsetzen, kommen sie in einen neuen Saal. Diese Kreißsäle mit ihren sterilen Kachelwänden ringsum haben bei Dr. Naaktgeboren Assoziationen an "Schlachthäuser und Metzgereien" erweckt. Daß dabei Geburtsunterbrechungen durch Wehenschwächen einsetzen und das wehenfördernde Hormon Oxytozin gespritzt werden muß, verwundert den Zoologen nicht. Nach seinen Erfahrungen werden Einflüsse "psychogener Faktoren" von den Gynäkologen ins vorige Jahrhundert abgeschoben. Sie erhoffen sich die Lösung des Problems der Wehenschwäche von elektronenmikroskopischen Untersuchungen anden Zellmembranen.

In einem gynäkologischen Lehrbuch vor. 1300 Seiten Umfang, so berichtete Naaktgebonn, ist dem Thema "Natürliche Geburt" nur noch eine halbe Seite gewidmet. Daß andererseits de Geburt in einer Klinik auch erhebliche Vorteile haben kann, deutete wiederum der Zoologe in seinem Vortrag nur in einem Nebensatz an.

Welche Situation eine Tiermutter als ruhig und geschützt für dies Geburt empfindet, kam von Art zu Art verschieden sein. Manche Tiemütter gebären in der Herde oder in der Familie, andere sondern sich von allen ab. Auf einer Gynäkologentagung erwähnte Naaktgeboren einmal, in älteren Lehrbüchern habe er gefunden daß Frauen gelegentlich mit der Geburt warten – übrigens ähnlich wie die Wölfin –, bis der Ehemann zu Hause sei. Darauf entgegnete eh Mediziner, das stimme wohl nicht; sicher sei aber, daß Frauen oft warten, bis der Arzt da ist.

Gustav Adolf Henning