Nun ist auch vom Menschen bekannt, daß Unruhe auf den Geburtsablauf ungünstig einwirkt. Und in den Kliniken wundert man sich über die häufig auftretende Wehenschwäche. Mit werdenden Müttern verfährt man jedoch wie mit den von Pokal zu Pokal umgesetzten Mäusen. Bei Eintritt der Wehen bringt man die Frauen in die Klinik. Dort werden sie in ein Bett gesteckt und beruhigt. Sobald die Wehen wieder einsetzen, kommen sie in einen neuen Saal. Diese Kreißsäle mit ihren sterilen Kachelwänden ringsum haben bei Dr. Naaktgeboren Assoziationen an "Schlachthäuser und Metzgereien" erweckt. Daß dabei Geburtsunterbrechungen durch Wehenschwächen einsetzen und das wehenfördernde Hormon Oxytozin gespritzt werden muß, verwundert den Zoologen nicht. Nach seinen Erfahrungen werden Einflüsse "psychogener Faktoren" von den Gynäkologen ins vorige Jahrhundert abgeschoben. Sie erhoffen sich die Lösung des Problems der Wehenschwäche von elektronenmikroskopischen Untersuchungen anden Zellmembranen.

In einem gynäkologischen Lehrbuch vor. 1300 Seiten Umfang, so berichtete Naaktgebonn, ist dem Thema "Natürliche Geburt" nur noch eine halbe Seite gewidmet. Daß andererseits de Geburt in einer Klinik auch erhebliche Vorteile haben kann, deutete wiederum der Zoologe in seinem Vortrag nur in einem Nebensatz an.

Welche Situation eine Tiermutter als ruhig und geschützt für dies Geburt empfindet, kam von Art zu Art verschieden sein. Manche Tiemütter gebären in der Herde oder in der Familie, andere sondern sich von allen ab. Auf einer Gynäkologentagung erwähnte Naaktgeboren einmal, in älteren Lehrbüchern habe er gefunden daß Frauen gelegentlich mit der Geburt warten – übrigens ähnlich wie die Wölfin –, bis der Ehemann zu Hause sei. Darauf entgegnete eh Mediziner, das stimme wohl nicht; sicher sei aber, daß Frauen oft warten, bis der Arzt da ist.

Gustav Adolf Henning