Von David Schoenbaum

Amerika erbost bald Rechte, bald Linke, zuweilen beide zugleich. Aber auch Verständnis – nicht zu verwechseln mit Bewunderung – findet sich bei beiderlei Parteigängern. Zwei nachdenkliche europäische Aristokraten, Tocqueville und Bryce, schrieben Meisterwerke über Amerika, die zu lesen sich noch immer lohnt. Auch Marx und Engels, die sich zu Amerikas Möglichkeiten weder dogmatisch noch naiv verhielten, sind heute noch lesenswert zu diesem Thema.

Der neueste Titel dieser Gattung

Reinhard Lettau: "US Täglicher Faschismus / Amerikanische Evidenz aus 6 Monaten"; Carl Hanser Verlag, München 1971; 312 S., 19,80 DM

kann diesen Rang schwerlich beanspruchen. Umschlagentwurf und Druck sind sehr geschmackvoll. Darüber hinaus ist es ein bemerkenswert schlechtes Buch, sofern man ein so durchsichtig tendenziöses Smørrebrød von Zeitungsausschnitten überhaupt Buch nennen kann.

Lettaus Stärke liegt in seiner Beherrschung des Offenkundigen. Sein Material dokumentiert, was hundert Bücher zuvor bereits dokumentiert haben: die vertraute transkontinentale Schreckenskammer. Den Dokumenten nach bedeutet Amerika: Arroganz, Dilettantismus, Korruption, Brutalität, Elend, Rassismus, Selbsttäuschung und Haß; es bedeutet Unterdrückung von Minderheiten durch eine überwältigende Mehrheit, von Mehrheiten durch eine kalte und verantwortungslose Minderheit; vor allem bedeutet es kapitalistischen Geist, wenn auch nicht unbedingt protestantisches Ethos.

Wer solche Ansichten ohnehin schon hegt, wird sie wohl gerne durch Lettau bestätigt sehen. Wer jedoch skeptisch ist, aus welchen Gründen auch immer, der wird wohl kaum bekehrt werden. Allzu viele Fakten, allzu viele Kategorien sind miteinander unvereinbar.