Von Wolfgang Müller-Haeseler

Im Hochhaus der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie an Düsseldorfs Breiter Straße hatte sich ein weitgereister Besuch angesagt. Akira Sunabori, Wirtschaftspolitiker der Nippon Steel Corporation, wollte erforschen, welche Erfahrungen die bundesdeutsche Stahlindustrie mit der Konjunkturankurbelung in den Rezessionsjahren 1966/67 gemacht hatte.

Aber das Rezept, das damals nicht nur die Eisen- und Stahlindustrie, sondern die gesamte deutsche Industrie befolgte, praktiziert Japans Schwerindustrie längst: Exporte, wo immer sich ein Absatzmarkt finden läßt, selbst zu Preisen, die keinen Gewinn mehr bringen, aber die teuren Produktionsanlagen auslasten und den kostbaren Facharbeiterstamm beschäftigen.

Der Besuch aus dem Land der aufgehenden Sonne verheißt der deutschen Stahlindustrie nichts Gutes. Bedeutet er doch nichts anderes, als daß die großen japanischen Stahlkonzerne ihre Produktion nicht mehr unterbringen können und neue Absatzmärkte suchen. Sie tun es zwangsläufig auch dort, wo bisher deutsche Stahlverkäufer ihre Geschäfte machten.

Die japanische Konkurrenz kommt den deutschen Stahlkochern mehr und mehr ins Gehege; in ihrem Gefolge marschieren die Stahlverkäufer aus dem Ostblock. Gegenüber dem Vorjahr sind die Japanimporte der Bundesrepublik im Monatsdurchschnitt – von einem allerdings sehr niedrigen Niveau aus – inzwischen um rund 50 Prozent gestiegen. Auf dem revierfernen süddeutschen Markt stammen bereits sogar 80 Prozent des Absatzes aus Importen, davon die Hälfte aus nicht zur EWG gehörenden Drittländern.

Die japanische Exportoffensive, die sich nicht nur auf den deutschen Markt, sondern auch an traditionelle Abnehmer deutschen Stahls in anderen Ländern richtet, lehrt die deutschen Stahlbosse das Fürchten. Denn sie trifft eine Branche, die sich schon seit einem Jahr verzweifelt, wenn auch vergeblich dagegen wehrt, ihren Situationsberichten das Etikett "Rezession" aufkleben zu müssen.

Aber in den letzten Wochen ließ sich die Wahrheit nicht mehr vertuschen. Ein Stahlkonzern nach dem anderen mußte die Fahne des Optimismus einziehen. Bis zuletzt hatte man sich gegen Kurzarbeit und Entlassungen gewehrt.