Von Hellmuth Karasek

Irgendwann (genauer: auf der Seite 217) bricht der Ich-Erzähler nach Venedig auf und aus. Ein autobiographischer Roman sucht sich einen Fluchtpunkt und Ausweg. Venedig, vermorschtes und vermoderndes Europa, vom Wasser unaufhaltsam korrodierte Pracht, eine Welt, die in ihrer eigenen Kloake ertrinkt.

Doch dieses Venedig hat Zwerenz kaum vor Augen. Er läßt diese müden Untergang-des-Abendlandes-Assoziationen nur schwach anklingen. Statt dessen motiviert er die Fluch mit einer etwas peinlich kleinlichen Geschichte: Er bricht nach Venedig auf, weil er eine Zeitung, der er einen Vorschuß abgeluchst hat, um ein versprochenes Interview mit Hundertwasser, das er nie zu führen gedenkt, betrügen will, Eine revolutionäre Tat?

Und wenn er sich in Venedig schildert, dann schildert er sich dort leider so, wie sonst dänische Pornohefte ihre Abziehbilderhelden schildern: Da werden italienische Kellnerinnen im Hotellift in sexuelle Erregung versetzt, auf daß der Held und seine Gefährtin, die er kindlich-albern "Dame Suse" nennt, dann Dreierpositionen durchturnen, was sich weder im Vokabular noch sonst irgendwie von der Dutzendware Pornographie unterscheidet: Frauen sind Öffnungen. Und Männer dazu da, diese Öffnungen zu füllen. Ein Kork-und-Flaschenspiel, dem menschliches Fleisch etwa so umgehängt ist wie Schaufensterpuppen die neueste Mode.

Das als Quintessenz eines Buches lesen zu müssen, das mit großem Ernst und steilem Pathos versucht, ein "autobiographischer Roman." zu sein, noch dazu programmatisch für ehe bestimmte Klassen- und Gesellschaftslage, ist niederdrückend an

Gerhard Zwerenz: "Kopf und Bauch – Die Geschichte eines Arbeiters, der unter die Intellektuellen gefallen ist"; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 291 S., 20,– DM.

Denn obwohl Zwerenz auf dem Schutzumschlag, als Leseanleitung, vermerkt, daß in diesem letzten Teil des Buches die Reduktion beginne, daß die Welt "ins Pornographischeverkümmere, hat die Verkümmerung nicht etva nur die Ich-Figur erreicht, sondern leider vor allem die Schilderung: außer neckischer Kraftprotzerei, dem Bemühen, das Fäkal- und Sexualvokibular kräftig anzuzapfen, hat diese Prosa nichts anzubieten, was man nicht genauso gut in der Sankt-Pauli-Presse lesen könnte. Es wirkt, als habe Zwerenz hier, zum Schluß eines ambitionierten autobiographischen Unternehmens, schnell Makulatur aus seiner Tätigkeit als pornographischer Verleger zusammengehäuft.