Beim internationalen Kongreß in Würzburg wurden viele Fortschritte der Schlafforschung offenbar, doch die wichtigste Entdeckung steht noch aus

Von Erwin Lausch

Wenn es Nacht wird, so lehrte Sir Charles Sherrington, einer der bedeutendsten Neurophysiologen unseres Jahrhunderts, in einem poetischen Gleichnis, gehen im Gehirn die Lichter aus. Nur vereinzelt flackern noch Lichtpunkte in entlegenen Regionen. Der größte Teil des Gehirns ruht im Dunkel.

Nach vollbrachtem Schlaf blitzen Myriaden Lichter wieder auf: "Es ist, als ob die Milchstraße einen kosmischen Tanz begonnen hat. Schnell wird die Masse im Kopf zu einem verzauberten Webstuhl, wo Millionen hin- und herschießender Schiffchen ein vergängliches Muster weben,, immer bedeutungsvoll, niemals beständig."

Niemand hat so schöne Worte über das Gehirn gefunden wie der britische Nobelpreisträger. Aber sie sind nur noch teilweise richtig: Im Gehirn ist es, während wir schlafen, nicht dunkel, sondern taghell. Das konnte Sherrington nicht wissen. Erst im Jahr seines Todes – 1952 – wurde die Entdeckung gemacht, die den Anstoß zu einem Forschungsboom über das schwerzugängliche Drittel des menschlichen Lebens gab und dadurch die Vorstellungen der Wissenschaftler vom Schlaf von Grund auf veränderte.

Heute werden in Dutzenden von Schlaflaboratorien Nacht für Nacht gesunde und kranke Testschläfer an Meßinstrumente angeschlossen, werden alle Phasen ihres Schlafes und möglichst viele Regungen ihres Körpers und ihres Geistes überwacht. Um die neuesten Ergebnisse der Forschung auszutauschen, trafen sich Ende letzten Monats einige hundert europäische und amerikanische Wissenschaftler in Würzburg zu einem internationalen Symposium über "Die Natur des Schlafes".

Daß als Tagungsort ausgerechnet Würzburg diente, eine ehrwürdige Universitätsstadt zwar (Gründung der Universität: 1582), deren Name indes eher Assoziationen an Barock und Bocksbeutel weckt denn an eine Hochburg moderner Forschung denken läßt, ist Uroš J. Jovanovic zu verdanken. Jovanovic, Dozent an der Würzburger Universitäts-Nervenklinik, fühlte sich 1963- – damals noch in Göttingen – von der aufblühenden Schlafforschung angezogen. Ein einsamer Wächter zunächst, der sich die Nächte um die Ohren schlug, um den Schlaf von Versuchspersonen auszuloten, hat er inzwischen ein halbes Hundert Mitarbeiter um sich versammelt.