Ein "politisches Tagebuch" der sowjetischen Elite – Ist der Krieg mit China unvermeidlich? (I)

Die Frage eines möglichen kriegerischen Konfliktes mit China wird in unserem Lande nicht nur im Generalstab oder im Politbüro erörtert. Sie wird gegenwärtig in breiteren Kreisen der Bevölkerung behandelt, bei der Intelligenz, den Arbeitern, den früheren Kriegsteilnehmern. Dabei bringen die verschiedenen Menschen die unterschiedlichsten Gesichtspunkte zur Geltung.

These I: Keine Kriegsgefahr

Ein Wissenschaftler und ein China-Spezialist:

Die Kriegshysterie, die sich jetzt in China ausbreitet, hat vor allem innerpolitischen Charakter und ist für den internen Gebrauch bestimmt. Die reale Gefahr eines großen Krieges gibt es zur Zeit nicht und wird es lange nicht geben. In China ist die Lage gegenwärtig so, daß die Führer des Landes den Mythos der Kriegsgefahr unbedingt hervorrufen müssen, um die Volksmassen in Zucht zu halten und den niedrigen Lebensstandard zu rechtfertigen. Es ist bekannt, daß die Volksrepublik China schon Ende der fünfziger Jahre mit den Inseln in der Meeresenge von Taiwan eine Konfliktsituation geschaffen hat. Anfang der sechziger Jahre haben Chinas Führer bewaffnete Zusammenstöße mit Indien provoziert. Jetzt provozieren sie bewaffnete Zusammenstöße an der sowjetischen Grenze und erfinden den Mythos einer Gefahr vom Norden her. China ist jedoch, obwohl es über einige Dutzend Atom- und Wasserstoffbomben verfügt, nicht auf einen Krieg vorbereitet. Es will keinen Krieg. In China gibt es noch keine mittleren und weitreichenden Raketen, gibt es nur wenig Kampfflugzeuge, Panzer und andere Waffen.

Man muß berücksichtigen, daß es auch bei unserer Regierung zur Zeit bestimmte innere Schwierigkeiten gibt und manchem eine Ablenkung nützlich erscheint. In einer Reihe von Fällen reagieren wir daher auf die eine oder die andere Grenzverletzung schroffer, als es in vergangenen Jahren der Fall war. Es besteht aber keine akute chinesisch-sowjetische Kriegsgefahr.

These II: Ja zum Präventivkrieg