Von Theodor Eschenburg

Carl Jacob Burckhardt: "Werke in 6Bänden"; Scherz Verlag, München und Bonn 1971; insges. 2556 S., Subskriptionspreis 180,– DM; später 225,– DM.

Garl J. Burckhardts Schriften aus sechs Jahrzehnten, weit verstreut in Einzelausgaben, Sammelbänden, Zeitschriften und Privatdrucken, sind jetzt in sechs Bänden neu erschienen. Rothfels nennt ihn einen "Historiker großen Stils". Burckhardt ist aber auch ein großer Erzähler in seinen Novellen und historischen Arbeiten, in seinen Briefen und Memoirenansätzen, ein Meister des Essays und einer der letzten in der Reihe bedeutender Briefschreiber mit einer respektablen Reihe illustrer Adressaten. Es ist schon eindrucksvoll, wie die Meisterschaft in diesen in ihrer Art sehr verschiedenen Arbeiten von der dreibändigen Richelieu-Biographie bis zu Briefen von ein oder zwei Seiten in einer so weiten Spanne durchgehalten ist: "Lieber Verzicht als nur die leiseste Preisgabe der Qualität."

Burckhardt kam aus dem Patriziat der ehemaligen Reichsstadt Basel und hat es nie verleugnet. "Immermann hat einmal gesagt: ‚Überall, wo er noch auf Spuren des alten Reichs gestoßen sei, habe es ihm das Herz bewegt.‘ So ging es mir auch lebenslang." Von Basel aus, gleich weit von Deutschland und Frankreich entfernt, wird er zu einem Kenner beider Länder, charakterisierende Gegenüberstellungen und vergleichende Beurteilungen durchziehen seine Arbeiten. Auf Herkunft, Fremd- und Selbsterziehung beruht sein? Gelassenheit, "Gewähr für die wirkenden Kräfte des Lebens" und "die Ruhe des in allen Lagen bewährten Urteils". Beides,sagt er von anderen, trifft aber auf ihn selbst zu.

Gleich nach dem historischen Universitätsstudium wurde er ohne eigenes Zutun im Sommer 1918 zum schweizerischen Legationssekretär in Wien bestellt. Als geschichtlich versierter Augenzeuge erlebte er im Schnittpunkt den Untergang des alten Habsburgischen Reiches und die Neugründung des aus dem Vielvölkerstaat herausgeschnittenen, schwer lebensfähigen kleinen Österreichs: "Die ganze soziale Struktur lag wie in einer großen Anatomie offen zutage. Man erhielt einen weiten Überblick über alles, was gewesen war."

Der 27jährige fand unschwer Zugang zu einer künstlerisch wie geistig anspruchsvollen, noch aus den habsburgischen Traditionen hervorgegangenen Gesellschaft, deren Mittelpunkt für ihn Hugo von Hofmannsthal war (Erinnerungen an Wien 1918/19). Burckhardt dachte 1919 nicht daran, aus der Diplomatie "einen Lebensberuf zu machen". "Arme Leute, diese Diplomaten." 1971 sagt er: "Es ist eigentlich alles wie zufällig an mich herangetreten."

1923 erlebte er zum zweitenmal den Untergang eines Reiches, des Osmanischen, zugleich mit der brutalen Gründung des türkischen Nationalstaates, auf einer Reise in das damals kaum zugängliche Anatolien. Als Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes sollte er den Rücktransport der griechischen Kriegsgefangenen einleiten und die Leiden der griechischen Zivilbevölkerung beim erzwungenen Exodus lindern. Seine Aufzeichnungen in der "Kleinasiatischen Reise", ein Kabinettstück gelehrter Reportage, erregten bei literarischen Gourmets Aufsehen.