Wenn der Autoriese Fiat jährlich (so 1970) 34 Millionen Arbeitsstunden durch Streiks seiner Mitarbeiter verliert, dann wird das mit dem Hinweis auf "typisch italienische Verhältnisse" einfach zur Kenntnis genommen. Wenn aber im gleichen Zeitraum bei Olivetti 437 000 Stunden durch Arbeitsniederlegungen ausfallen, dann erregt diese Zahl allgemeines Aufsehen.

Die im norditalienischen Aostatal ansässige Olivetti gilt als traditionelle Insel des Friedens in einem von Arbeitskämpfen heftig erschütterten Land. In der Tat sind die Olivetti-Bosse auf zwei Errungenschaften besonders stolz: auf das moderne Design ihrer Produkte und auf das gute Verhältnis zu den über 33 000 Mitarbeitern in den elf italienischen Werken.

Als Camillo Olivetti 1908 die Gesellschaft in Ivrea gründete, investierte er nicht nur sein Kapital, sondern auch ein großes Maß sozialer Ideen. Er wollte seine ausgeprägten gesellschaftspolitischen Vorstellungen nicht nur in seiner eigenen Linkspartei und den von ihm verlegten Zeitungen verfechten.

Die Olivetti-Initiativen in den jungen Werken galten zu Beginn des Jahrhunderts als revolutionär. Daß ein Industrieller etwa Schulen für seine Mitarbeiter und deren Kinder gründete, soziale Hilfsfonds finanzierte und die wichtigen Unternehmensfragen mit seinen Angestellten beriet, war etwas völlig Neues in südlichen Breiten.

Auch Gründersohn Adriano Olivetti, bis zu seinem Tod 1960 an der Spitze des Unternehmens, setzte seinen ganzen Ehrgeiz in die Verwirklichung sozialer Ideen. Sozialleistungen, vom Staat lange nur unzureichend geboten, wurden bei Olivetti bald zur Selbstverständlichkeit. So gelten die Wohnungen für Werksangehörige als vorbildlich. Hinzu kamen eine großzügige Fürsorge für Mutter und Kind, ärztliche Betreuung, Ruhestandsgehälter und kulturelle Programme. Heute wird die Konkurrenz zu staatlichen Leistungen vermieden. Als etwa vor einigen Jahren am Olivetti-Hauptsitz Ivrea öffentliche technische Schulen ihre Töre öffneten, gab Olivetti sein seit 1938 bestehendes Ausbildungszentrum auf. Statt dessen eröffnete das Unternehmen ein technologisches Institut zur Ausbildung von Industrie-Ingenieuren mit Hochschulniveau.

Selbst die mächtige kommunistische Gewerkschaft CGIL gesteht: "Olivetti macht seine Sache gut." Dieser Beifall von linksaußen ist auch deshalb verständlich, weil im Hause Olivetti die Arbeitnehmervertreter nicht nur angehört, sondern um ihre Meinung gebeten werden. Dabei vermeiden die Manager bewußt, sich als väterliche Gönner zu geben. Von vornherein wurden alle sozialen Leistungen an feste Statuten gebunden und gemeinsam von Management und Arbeitnehmern verwaltet.

Wenn es auch keine Mitbestimmung im deutschen Sinne gibt, so sind Konsultationen in Ivrea doch an der Tagesordnung. Gleichenach dem Kriege, als etwa Fiat und Pirelli die Gewerkschaften vor die Tür setzten, holte Adriano Olivetti sie an den Verhandlungstisch. Die politische Färbung spielte dabei keine Rolle.