Von Hisako Matsubara

Wenn sich Yukio Mishima nicht vor einem Jahr in einer so spektakulären Weise ums Leben gebracht hätte, würde eine Besprechung des vorliegenden Bandes –

Yukio Mishima: "Gesammelte Erzählungen", aus dem Amerikanischen von Ulla Hengst, mit einem Nachwort von Donald Keene; Rowohlt Verlag, Reinbek; 302 S., 14,80 DM

jetzt wahrscheinlich anders ausfallen. Ich hätte geschrieben: ein talentierter Autor mit hochgezüchteter Sensibilität und einem leichten Hang zur Selbstbespiegelung. Stets zwischen Effekthascherei und echter Dramatik balancierend. In Japan äußerst berühmt, auch im Ausland sehr bekannt, bisweilen als der Repräsentant der japanischen Nachkriegsliteratur apostrophiert. Vielschreiber. Meist kurze Erzählungen, ein paar Romane, Theaterstücke. Die vorliegende Auswahl ist nicht gerade glänzend, aber sie gibt einen recht guten Einblick in die erzählerische Kraft dieses Autors. Acht von zehn der Stücke sind nicht aus dem Japanischen ins Deutsche übertragen worden, sondern aus dem Amerikanischen – "auf Wunsch des Autors", wie es heißt. Verwunderlich ... Dadurch sind natürlich dumme Fehler hineingeraten. Fehler auch in der Transkription japanischer Worte. Jodo ist so (nicht Yodo) oder, wenn man es unbedingt eindeutschen will, Djodo zu schreiben, das "Reine Land", das Paradies des Buddhismus. Auch wird man schwerlich eine Geisha in Japan Butterreis essen sehen – diese und ähnliche Geschmacksverirrungen gehen auf Kosten der flotten amerikanischen Vorlage.

Von den zehn Erzählungen ist eine, "Die Brandung" (1954), sehr lang. Von ihr wird gesagt, sie sei die ins japanische Milieu übertragene griechische Daphnis- und Chloe-Sage – unergründlich die tiefschürfende Weisheit dieser Behauptung. Die Erzählung selbst ist sehr atmosphärisch, mit Postkartenpoesie, dazu ein Hohes Lied auf das einfache, arbeitsame Leben. Ein sattsam bekanntes Muster: der gute junge Mann, das saubere junge Mädchen, der böse junge Mann. Wie selbstverständlich ist der gute junge Mann zugleich schön, mutig und fleißig – der böse ist feige, faul und unästhetisch. Ärgerlich ist die Wespe, die pünktlich nachts zur Stelle ist, als der böse junge Mann das saubere Mädchen schänden will. Brav sticht die Wespe trotz Dunkelheit immer den Richtigen und hält dem Autor auf diese Weise den Weg frei fürs Happy-End.

In den anderen, kürzeren Erzählungen werden solche Peinlichkeiten vermieden. Wenn Mishima Frauengestalten malt, so geschieht das mit einer sezierenden Genauigkeit und gleichzeitiger Distanz. Praktisch, nie spielt bei den Frauen Eros mit – weibliche Gemeinheit, weiblicher Wille zum Überleben, weiblicher Aberglaube füllen Stücke wie "Die Perle" (1963), "Die sieben Brücken" (1958) und – überragend in der Konstruktion – "Tod im Hochsommer" (1952). Unabsehbar sind die Irrwege, in die Mishima den Leser leiten kann, überraschend dann die Wendungen, die er bringt. Dichterisch dicht sind auch die Partien, die sich nachträglich als Füllsel herausstellen.

Wenn sich Mishima also nicht das Leben genommen hätte, und zwar keineswegs aus einer plötzlichen psychischen Notlage heraus, sondern überlegt, geplant, als Heros seiner selber – wenn sich Mishima also nicht in einer rituellen Blutorgie den eigenen Bauch aufgeschlitzt hätte, dann hätte ich hier wohl nur beiläufig erwähnt, daß Mishima von Blut seltsam fasziniert ist. Seine Wollust beim Beschreiben von Blut. Seine immer wiederkehrende Vermengung von Blut mit Erotik und Heldentum. Das Blut muß aus einem Männerkörper fließen. Der Männerkörper muß jung und schön gebaut sein, muskulös, sonnengebräunt. Ein starker Geruch nach Schweiß muß ihm entströmen. Zuckungen. Blut. Lust.