Die schleichende Krise in Verlagswesen und Buchhandel ruft immer krampfhaftere Anstrengungen hervor, einmal in der Saison den großen Coup zu landen, den Bestseller aufzuspüren und durchzuboxen, der Konkurrenz die Optionen auf erfolgsträchtige Bücher mit astronomischen Garantiesummen abzujagen, sich mit Werbeanstrengungen zu überschlagen. Die nicht nur heraufdämmernde Herrschaft des Bestsellers: sie macht aus dem Buchwesen eine Goldgräber-Stadt mit einigen wechselnden Glücklichen und vielen, die auf der Strecke bleiben, ein großes Mahagonny. Hier nehmen drei Betroffene dazu Stellung: der Autor Jürgen Thorwald, selber Verfasser von Bestsellern (zuletzt: "Die Patienten"), der Verlagsleiter Dr. Albrecht Knaus, Chef des Verlags Hoff mann und Campe und damit in letzter Zeit selber Manager zahlreicher Bestseller, sowie Dr. Jürgen Kolbe, literarischer Lektor im Hanser Verlag.

Steinbeck – selber mehrfacher "Bestsellerautor" und nebenbei Nobelpreisträger – sprach einmal von der "Bestsellerherrschaft der kapitalistischen Welt". Dies ist sehr viele Jahre her, und ich notierte mir den Gelegenheitsausspruch in Kalifornien, ohne daran zu denken, wie sehr er einmal europäische Wirklichkeit oder Quasi-Wirklichkeit werden könnte.

Ich wurde daran erinnert, als ich im Frühjahr in einem Züricher Freundeshaus einem sehr jungen Verlagslektor zuhörte, der einen älteren Verlagsmann mit grimmigem Sarkasmus und der Frage attackierte, ob seine Herbstseiler bereits im Radar-Computer-Backrohr seien. "Schwierige Sache, was?" so etwa sagte er. "Aber ich hätte da eine Idee. Möglicherweise erinnern Sie sich an ‚Dr. Schiwago‘. Superbestseller. Nur zwanzig Seiten darin gelesen, aber in jedem Bücherschrank zu finden, der was auf seinen Status hält. Jetzt ist die Zeit für China reif. Heuern Sie einen Rotchinesen. Lassen Sie ihn ‚Dr. Cheng-Cheng‘ schreiben, mit viel Innerlichkeit, und schmuggeln Sie das Ding aus China heraus. Platz 1 ist Ihnen gewiß ..."

Dies war der Auftakt zu einem Vielstundenstreit zwischen Buchidealisten und Realisten, Vergangenheit und Gegenwart, brutaler Wirklichkeit und Traum, und so unglaubhaft es klingen mag: In der folgenden Nacht hatte ich den ersten Bestsellertraum meines Lebens. Darin verwandelte ich mich in ein Pferd, das mit anderen Pferden, die an Stelle eines Jockeys Schreibmaschinen auf dem Rücken trugen und deren Leiber mit Buchschutzumschlägen umwickelt waren, über eine Rennbahn jagte. Als ich schließlich, um erbarmungswürdige Längen zurück, das Ziel erreichte, erspähte ich an Stelle der Tafel, welche auf Rennplätzen die Ergebnisse verkündet, eine Bestsellerliste, zwanzig Meter hoch und zehn Meter breit, und – ich befand mich nicht darauf. Im gleichen Augenblick trat ein Herr in hellgrauem Frack und hellgrauem Zylinder, wie es sich wohl gehört, hinter der Seitentafel hervor und sagte mit dem freundlichen Business-Lächeln, mit dem man nach US-Klischee selbst Generaldirektoren feuert: "So sorry, aber Sie haben nicht einmal Platz, 10 erreicht. Sie werden verstehen, daß wir deshalb Ihre Box in unserem Favoritenstall umbesetzen. Die Futterkosten sind hoch, die Trriner unerhört teuer, und das Doping verschlingt ein Vermögen ..."

Ich erwachte und erinnerte mich mit unsagbarer Erleichterung daran, daß mein letztes Buch überhaupt noch nicht erschienen war, daß mein Verleger niemals graue Fräcke oder Zylinder trug, niemals amerikanisch, sondern sehr europäisch lächelte und überhaupt ein sehr menschliches Wesen war. Erschreckt wurde mir bewußt, daß auch mich etwas von jenem Bestsellertrauma angerührt hatte, das mir erst ein oder anderthalb Jahre zuvor auf deprimierende Weise im amerikanischen Westen und am Bilde eines Autors deutlich geworden war, der mit seinen Büchern häufig Spitzenpositionen auf den Bestsellerlisten besetzt und jeweils für lange Fristen "gehalten" hatte. Fast glaubte man, er habe mit einer bestimmten "Mischung" das noch von niemandem gefundene sichere Rezept für die Bestsellerproduktion entdeckt. Damals erschien gerade sein neuestes, nach der gleichen Formel geschriebenes Buch, und vom Erscheinungstage an verwandelte sich der friedliche, umgängliche, freundliche Mann.

Schon Tage vor der Veröffentlichung der nächsten Bestsellerlisten telephonierte er mit seinem Agenten und verschiedenen Meinungsforschern, um vorzeitig zu erfahren, welche "Placierung" er erreichen würde. Er wurde unzugänglich, restlos, redete nur noch von Bestsellerlisten oder versuchte, je nach Stimmung oder Auskunft, die er erhielt, Geringschätzung oder Desinteresse an den "Listen" vorzutäuschen. Als die Placierung auf sich warten ließ, bestellte er seinen Psychotherapeuten aus New York. Dann erschien sein Name endlich auf Platz 7 oder 6, und er gewann sein Selbstbewußtsein wenigstens teilweise zurück. Als er jedoch über Platz 6 nicht hinausgelangte, überfielen ihn neue Krisen, und er begann zu trinken. Abends schlich er, den Hut in der Stirn, an Buchhandlungen vorüber, um festzustellen, ob die Stapel mit seinen Büchern sich im Laufe des Tages verringert hatten. Als das Buch schließlich auf Position 8 zurückfiel, schluckte er Valium und trank dazu auf lebensgefährliche Weise. Schließlich erfuhr er, daß das Buch in der folgenden (fünften) Woche bereits nur noch Platz 10 belegen würde. Daraufhin zog er sich in sein Appartement zurück, mied den Golfplatz und die Bar, argwöhnte überall Schadenfreude und Hohn und geriet in einen Zustand von Dauertrunkenheit. Sobald er von einem Meinungsforscherfreund hörte, daß das Buch in der nächsten Woche sogar gänzlich von allen Bestsellerlisten verschwinden würde, reiste er bei Nacht ab. Ihn trieb die Furcht, daß der ganze Wüstenkurort mit den Fingern auf ihn zeigen, die Freunde und Freundinnen sich von ihm zurückziehen oder ihn bemitleiden und die Buchhändler (was auch geschah) sofort dem sogenannten Consumer-Geist folgen, seine Bücher verramschen und auf den nächsten gedruckten Gebrauchswarenschlager setzen würden.

In seiner Geschichte verkörperte sich etwas von dem vielgesichtigen, in Amerika geborenen Bestsellerphänomen, das wahrscheinlich jedem Autor, der in seinem Leben mehr oder weniger häufig damit in Berührung kommt oder eine solche Berührung ersehnt, seine kleinen oder großen Traumen gegenüber einer Entwicklung beschert, welche auch die literarische Welt unserer Tage mehr und mehr dem nackten Gesetz des Konsumgutes und des Umsatzes unterwirft.