Von Manfred Sack

Der Kinderschutzbund hat ungefähr 8000 Mitglieder, der Tierschutzverein aber 500 000 – es besteht die Gefahr, daß man sich, an dieses seltsame Mißverhältnis gewöhnt Man weiß ja, daß so ein Herdentier wie der Hund sich dem Leittier Mensch unvergleichlich viel gehorsamer unterwirft als ein Kind der Mutter oder dem Vater Mensch; man weiß, daß das Kind dem Erwachsenen lästig ist, weil es im Gegensatz zum guten Haustier einen eigenen Willen haben will und haben muß; man weiß, daß das Kind ein beliebter Blitzableiter für die Aggressionen des Erwachsenen – ausgedrückt in Strafen – ist und daß seine Rechte deshalb überall unterdrückt werden.

Kinder sind ein stetiges Thema – und es ist mit Recht auch das erste Thema, mit dem eine bisher unverdient dahinkümmernde, mißverstandene, gegängelte, – finanziell kurzgehaltene und dadurch bedauerlich in Mißkredit geratene Institution sich nun endlich richtig institutionalisiert hat: das "Internationale Design Zentrum" in Berlin. Das Thema heißt: "Kind und Umwelt."

Das Ergebnis dieser Ausschreibung hat allerdings eine doppelte Funktion: Erstens gibt es Antworten auf die Fragen des Themas, die zu beantworten jedermann eingeladen war, zweitens beendet es ein institutionelles Provisorium: Die ungewöhnliche Satzung kann zum erstenmal verwirklicht werden. Und schließlich ist fast zur gleichen Zeit eine Unterlassung beseitigt worden: Der vom Vorstand jahrelang vakant gehaltene Posten des Leiters ist endlich besetzt worden, und zwar mit dem in "urbanem Design" geübten Architekten François Burkhardt. Der 35jährige Schweizer hat kein leichtes Amt übernommen. Er wird Standfestigkeit üben müssen gegenüber denen, die das Design Zentrum zwar gegründet, seine Arbeit bisher aber eher gebremst, wenn nicht gar behindert haben: gegenüber "der Industrie". Sie hatte das Institut mit zugleich großer Schlauheit und mäzenatischen wie philanthropischem Gestus mit verwandten, von ihr dirigierten Einrichtungen verflochten.

Dies hat jedoch in Berlin nicht recht geklappt. Eine beherzte Öffentlichkeit hat jedenfalls verhindert, daß das Design Zentrum zu dem wurde, was seinem Miterfinder und Vorstandsmitglied, Professor Gustav Stein, vorgeschwebt hatte: eine Vitrine, in deren blank geputzten Scheiben sich die um schöne Form bemühte Industrie hatte widerspiegeln wollen. Dergleichen Einrichtungen gibt es zwar in vielen Ländern, aber dort waren sie entstanden, als um das "good design" noch Pioniertaten vollbracht werden konnten. Heute hingegen verlangt Design, welcher Art auch immer, nach dem gesellschaftlichen Kontext: nicht ein Schaufenster, sondern ein Laboratorium ist notwendig.

Einen solchen Versuch stellt nun das IDZ in Berlin dar, er drückt sich bereits in der Satzung aus: Die erfolgreichen Teilnehmer dieser soeben dokumentierten Ausschreibung "Kind und Umwelt" – Verfasser von knapp sechzig Arbeiten – bilden automatisch das Forum, eine Art Ideen-Parlament, das aus seinen Reihen den sechsköpfigen Arbeitsrat, eine Art Programm-Ausschuß, wählt. Dieses Planungsgremium, dem auch der Leiter angehört, "soll aus Anregungen des Forums ... in Koordination mit den fachlichen Mitarbeitern und in Abstimmung mit dem Vorstand des IDZ das weitere Programm ... entwickeln".

Forum und Rat haben sich am Wochenende konstituiert, Rat und Leiter hatten ihre erste Begegnung. Die Arbeit, gewiß nicht einfach, beginnt.