Es gibt die Geschichte vom amerikanischen Ehepaar, das im Sightseeing-Bus durch Europa reist. "Ist das jetzt Heidelberg?" fragt die Frau. Darauf der Mann: "Wie spät ist es?" "13.55 Uhr". "Ja, dann ist das Heidelberg."

Nicht viel anders war das immer auf der Buchmesse. Stand man am Donnerstag, so gegen sechs, eingekeilt, mit einem Glas Sekt-Orange in der Hand zwischen einigen tausend Leuten, durch die sich Kameramänner zu drängen suchten, wobei es vorübergehend osram-hell wurde, dann durfte man annehmen, daß die örtlichkeit das Savigny-Hotel sei, daß es sich um den Hanser-Verlag handelte.

War es dagegen Sonnabend, die gleichen Leute rammelten sich um kalte Platten und heiße Lendenstücke, dann war man im Frankfurter Hof, bei Droemer und Knaur.

Solche Orientierungshilfe durch das brodelnde Chaos der Messe wird es in diesem Jahr nicht mehr geben. Denn die beiden Verlage haben die Abfütterung und Abfüllung zwecks Buchwerbezwecken abgesagt. Elegisch Droemer: "Es war uns zu einer lieben Tradition geworden ..." Melancholisch Hanser: "Sie waren gewohnt..."

Die Gründe sind in beiden Fällen die gleichen. Droemer: "Aus dem geselligen Beisammensein war in den letzten Jahren eine Super-Party, ein Messe-Happening geworden. Das aber war nicht unsere Absicht und ist nicht unser Wunsch." Hanser: "Nun hat sich dieser Empfang in den letzten Jahren immer mehr von dem entfernt, was er ursprünglich sein sollte: Gelegenheit und Rahmen für ein intensives, ruhiges Gespräch abseits vom Messetrubel. Der Donnerstagabend im Savigny-Hotel aber ist im Gegenteil zum Bestandteil des Trubels selber geworden, der eine sinnvolle Kommunikation nicht mehr möglich machte."

Inseln der Innerlichkeit, überspült von Durst und Freßlust der Messebesucher: Was wird das Fernsehen drehen, wenn es nicht mehr zeigen kann, wie sich die Gäste über die Hackbrötchen hermachen, wie sie Gin-Tonic im Gedränge in den nächstbesten Ausschnitt gießen?

Daß die Messe-Empfänge von lauter ungebetenen Gästen überflutet wurden, hing ja wohl auch damit zusammen, daß viele Verlage in den Jahren, da man die Studenten fürchtete, nicht mehr wagten, so genau auf die Einladungskarten hinzugucken. Wer wollte schon in ein elitäres Zwielicht geraten?