Von Karl-Heinz Janßen

"Wallenstcin". Sein Leben erzählt von Golo Mann; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1971; 1368 S., 38,– DM.

Wer da meint, es sei denn doch des Guten zuviel – die vornehm-seriöse Werbung des S. Fischer Verlages, die Vorschußlorbeeren der Journalisten und der Literaten, die Drei-Stufen-Rakete von Buchanzeige, Magazinreport und Rezension –, der übersieht, daß Autor und Held dieser 1200-Seiten-Erzählung gleichermaßen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ob sie wollen oder nicht. Auch ohne viel Drum und Dran hätte dieses Buch zu den Lesern gefunden. Seit Golo Manns "Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts" erschienen ist, hat es sich hierzulande herumgesprochen: Wir haben wieder einen Geschichtsschreiber, in der Nachfolge der berühmten deutschen Historiker, die immer auch große Stilkünstler waren. Und den Wallenstein haben die Deutschen – nicht erst seit Schiller – ins Herz geschlossen. Gründgens hat ihn gespielt, noch kurz vor seinem Abgang von der Bühne; Augstein widmete ihm einen seitenlangen Essay, als vor zwei Jahren die Wallenstein-Biographie des Deutschböhmen Hellmut Diwald herauskam.

Während Professor Diwald seinen Wallenstein bei Bechtle in München verlegen ließ, saß Professor Mann noch mitten in der Mühsal des Schreibens. Bruchstücke seines Werkes waren bekannt. Unbeirrt setzte er seine Arbeit fort: "Ein Historiker sollte alles Wesentliche kennen, was vor ihm gedruckt wurde. Von Gleichzeitigem darf, muß er sich unabhängig halten." In den Anmerkungen zu seinem Buche bescheinigt er seinem Kollegen jedoch, er habe "ohne Zweifel eine sehr verdienstvolle Biographie" geschrieben. Das ist elegant und wohl auch ehrlich.

Beide Biographen setzten ihren so oft verkannten, so oft geschmähten Helden in ein günstiges Licht. Aber wo Diwald den Herzog von Friedland zum weitblickenden, die Zukunft vorwegnehmenden Reichspolitiker stilisiert, ist Mann bescheidener: "Auch wollen wir ihn nicht zum prophetischen Bahnbrecher machen, der, bei aller Originalität des Charakters, doch nur ein praktischer Mann gewesen war, der Ergreifer von Gelegenheiten."

Ohnehin sind die beiden Werke in ihrer Art grundverschieden. Diwald schreibt journalistisch, seine Biographie ist halb Wissenschaft, halb Leitartikel. Mann schreibt literarisch, seine Biographie ist halb Wissenschaft, halb Roman: "Das Dorf Hermanitz", so beginnt er, "liegt im Osten des schönen Landes Böhmen, an der Elbe oder Labe, dort, wo sie nach Süden fließt. Die Gegend, mit Wiesen, bewegtem Wasser und buchenwaldumzogener Höhenkette, ist lieblich noch heute, obgleich nicht ganz so wie vor Zeiten, als um das Castell usw."

Wer weiterlesen möchte, braucht viel Muße, bedarf ebensolcher Geduld, wie sie der Erzähler durch viele Jahre aufgewandt hat. Er wird’s nicht bereuen. Er wird bestätigt finden, was Golo Mann vor einiger Zeit vor bayerischen Eltern über den Sinn historischer Lektüre gesagt hat: "Wer Dokumente der Zeit, Reden, Schriftwechsel, Memoiren und dann ein paar große historische Schriftsteller, sei es auch nur in bescheidenen Auszügen, gelesen hat, der weiß ein für allemal, wie Menschen, Staaten, Nationen, soziale Klassen, Parteien in der Krise sich verhalten ,,Wer sich in eine solche einzige, beispielhafte Epoche gründlich vertieft hat dem bleibt etwas: der weiß; was Geschichte bis gestern. war, was sie sie morgen nicht mehr sein sollte."