Von Carola Stern

Alle hatten. es gewußt: Eines Tages würde Honecker Nachfolger Walter Ulbrichts werden. Wenige waren darauf vorbereitet, als dies im letzten Mai geschah. Auf der eiligen Suche nach Material und Daten griffen viele Journalisten nach einem rororo-Band aus dem Jahr 1963 (Die DDR-Elite), der auch ein Kurzporträt Honeckers enthält. Doch der Verfasser, Ernst Richert, ein origineller und geistreicher Autor, ein Intellektueller, der es liebt, um drei Ecken rum zu denken, wußte mit einem "Org.-Mann" wie Honecker wenig anzufangen. Er beschrieb großartig Stoph, Sindermann, Wirtschaftsführer, andere Spitzenfunktionäre; Honecker kam schlecht dabei weg. Richert charakterisierte ihn als "gediegenen Mittelbürger" und "geborenen Exekutor", bar "jeden Anflugs von Originalität’, als braven, "unjugendlichen Berufsfunktionär".

Dieses Kurzporträt trug sicherlich erheblich dazu bei, daß Honecker bei Antritt seines Amtes eine außerordentlich schlechte Presse bei uns hatte. Er selber tat nichts, sein bundesdeutsches Image aufzubessern. Die Gefahr liegt nahe, einen Fehler zu wiederholen, der uns schon einmal unterlief. Wir haben lange Ulbricht unterschätzt. Sollte uns das auch bei seinem Nachfolger passieren? Jedermann hat nun Gelegenheit, Richers Honecker mit dem eines anderen Autors zu vergleichen. Dieser Tage erscheint

Heinz Lippmann: "Honecker – Porträt eines Nachfolgers"; Verlag Wissenschaft und Politik, Berend von Nottbeck; Köln 1971; 272 S., 8 S. Abb., 20,– DM.

So ungewöhnlich es auch ist, die Biographie eines Politikers zu schreiben, der gerade erst den Höhepunkt seiner Laufbahn erreicht hat und, an der Spitze angelangt, erst zeigen muß, was in ihm steckt – so nützlich ist es doch für Bundesbürger, schon jetzt genauere Informationen über einen Mann zu erhalten, von dessen Politik in den nächsten Jahren für alle Deutschen etwas abhängt.

Ein Umstand unterscheidet dieses Buch von anderen im Westen erschienenen Biographien kommunistischer Politiker. Der Autor kennt seinen "Helden". Er hat mehrere Jahre eng mit ihm zusammengearbeitet, er war sein Stellvertreter in der "Freien Deutschen Jugend" (FDJ) und persönlich gut bekannt mit ihm. Und außerdem: Im Gegensatz zu Richert hat Lippmann Sinn für Honecker, er "liegt ihm". Beides kommt dem Buch zugute. Die aufschlußreichsten und gelungensten Kapitel sind denn auch jene, in denen Lippmann als Augenzeuge die Gründung der "Freien Deutschen Jugend" in der Nachkriegszeit und den Aufstieg Honeckers zum Chef dieser Organisation schildert.

In einer Darstellung, die partienweise an Wolfgang Leonhards Erlebnisbericht "Die Revolution entläßt ihre Kinder" erinnert, erfahren wir Einzelheiten über die Zusammenarbeit hoher FDJ-Funktionäre mit der sowjetischen Militäradministration,auch darüber, wie nichtkommunistische FDJ-Vertreter in den Nachkriegsjahren operierten, um sich des Drucks der Sozialistischen Einheitspartei (SED) zu erwehren, erleben mit, wie sich Honecker in den dramatischen Stunden und Tagen des Juni-Aufstandes 1953 verhielt, nehmen teil an den Konkurrenzkämpfen in der DDR – zwischen Verbänden (FDJ kontra FDGB) und zwischen Spitzenfunktionären (Honecker kontra Verner, usw.). Tatsachen kommen so ans Licht, die in keinem anderen Buch, in keiner Zeitung stehen.