Von Andreas Kohlschütter

Das "Politische Tagebuch" (Polititscheskij Dnewnik), eine bisher im Ausland unbekannte Publikation der sowjetischen Untergrundpresse (Samisdat), ist jetzt erstmals in den Westen gelangt. Von den insgesamt 72 Nummern dieser zwischen Oktober 1964 und September 1970 in regelmäßigen Abständen erschienenen Monatsschrift wurden elf über die Grenzen geschmuggelt. Beginnend mit dieser Ausgabe wird die ZEIT in loser Folge Ausschnitte aus den rund 600 Seiten umfassenden Materialien veröffentlichen, die einen ermutigenden Einblick in das Denken Elite aufgeklärten sowjetisch-kommunistischen Elite vermitteln.

Das Aufblühen der "Samisdat"-Literatur in der Sowjetunion, das heißt der "selbstverlegten", unzensierten von Hand abgeschriebenen und von Hand zu Hand weitergereichten Schriften, ist ein Phänomen der Nach-Stalin-Ära. Im "Samisdat"-Boom spiegelt sich der Wandel des sowjetischen Regimes von der engmaschigen Autokratie unter Stalin zur weitmaschigeren Oligarchie seiner Nachfolger, von der bedenkenlosen Einmannherrschaft zur bedachteren "kollektiven Führung". Mit dem Abbau des stalinistischen Terrorapparates entstand zugleich neuer Raum für gedankliche Dissidenz und intellektuelle Kritik. "Samisdat" konnte zum Ausdruck derer werden, die – wie der "Samisdat"-Autor Shores Medwedjew schreibt – "die Dinge verbessern, mit den Schuldigen abrechnen und die Wurzeln der allgemein empfundenen Übel aufdecken" wollen.

Auf diesem Nährboden ist auch das neu entdeckte "Politische Tagebuch" gewachsen. Es unterscheidet sich aber gleichzeitig in wesentlichen Aspekten von anderen, uns bisher zugänglichen "Samisdat"-Dokumenten:

1. Die anonymen Herausgeber, Schreiber und wohl auch Leser des "Politischen Tagebuchs" betrachten sich als liberale und reformfreudige, aber zugleich auch als getreue Kommunisten. Ihre Kritik an der stalinistischen Gewaltherrschaft, an neostalinistischen Wiederbelebungsversuchen, am Einmarsch in der ČSSR, an der sowjetischen Mittelostpolitik und am Ausschluß Ssolshenizyns aus dem Schriftstellerverband läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Doch ihre Dissidenz bleibt eingebettet in den ungebrochenen Glauben an die Möglichkeiten, das bestehende System zu verbessern. Sie sprengt nie den Rahmen einer patriotisch gesinnten "loyalen Opposition", die sich an die marxistisch-leninistischen Spielregeln hält.

2. Außergewöhnlich für "Samisdat"-Veröffentlichungen ist auch die absolute und langjährige Geheimhaltung, mit der sich das "Politische Tagebuch" umgeben und abgeschirmt hat. Die Schrift scheint nur einem exklusiven Leserkreis zugänglich gewesen zu sein, der auf äußerste Verschwiegenheit Wert legte. Die Vermutung, daß es sich bei den "Abonnenten" um sowjetische Intellektuelle, Wissenschaftler, Manager und sogar Funktionäre in leitenden Positionen handelt, liegt auf der Hand. Ungeklärt ist die Frage, warum sich die Herausgeber plötzlich zum Ausbruch aus der Geheimsphäre entschlossen und – wie zuvor im Fall anderer "Samisdat"-Publikationen – den Kontakt zu den westlichen Massenmedien suchten. Möglicherweise fühlten sie sich durch den zunehmend reformfeindlichen Kurs Breschnjews in die Enge getrieben und hofften auf mehr Wirkung durch mehr und vor allem weltweite Publizität.

3. Ungewöhnlich ist schließlich auch die inhaltliche Gestaltung des "Politischen Tagebuchs", das sich als höchst anspruchsvolles akademisches Journal präsentiert. Die Vielfalt der behandelten Themen ist beeindruckend. Sie reichen von Stalins Fehlplanung beim Bau der Moskauer U-Bahn bis zu Chruschtschows Sturz; von Betrachtungen über die Oktoberrevolution und Brest-Litowsk bis zur Hintergrundanalyse des Einmarsches in die ČSSR; von marxistischer Ethik bis zu moderner Literatur- und Filmkritik; von Rückblenden auf Lenin und Trotzkij bis zu der Frage: "Wer ist Herbert Marcuse?"