Jhre Klassifizierung des modernen Menschen als Homo brutalis scheint mir auf einer Überschätzung der Zunahme von Gewaltakten in unserer Zeit zu beruhen, die allerdings erklärlich ist, wenn man den raschen und intensiven Informationsfluß, der jeden einzelnen erreicht, in Rechnung stellt.

FRIEDRICH HACKER: Ich möchte darin festhalten, daß die Eskalation der Gewalt doch ein spezifisch modernes Phänomen darstellt. Ich gehöre zu jener Schule, die die Auffassung vertritt, daß die Gewalt, wiewohl sie als Möglichkeit des Menschen immer bestanden hat und auch als solche manifest wurde, in moderner Zeit einen anderen Stellenwert, eine andere Wichtigkeit und eine andere bestimmende Qualität besitzt als früher. Insofern nämlich, als (im Sinne Hegels) die ungeheure Quantitätsvermehrung, kombiniert mit ihrer unbeschränkten Rechtfertigung, auch zu einem realen Qualitätssprung geführt hat.

In den Trabantenstädten und neuen, innerstädtischen Wohnkomplexen gibt es nachweislich eine erheblich intensivere Reibung zwischen den Menschen als unter den Bewohnern von Siedlungen mit Einfamilienhäusern. Läßt sich das Ansteigen von Aggression und Gewalt nicht überwiegend auf die Vermassung der Industriegesellschaft und auf die Überbevölkerung zurückführen?

HACKER: Sicher. Wenn Menschen auf einem beschränkten geographischen Raum enger beisammen sind, kann man proportional größere und intensivere Spannungsverhältnisse beobachten. Kaum bewiesen ist jedoch, daß das enge Zusammenleben ein wesentlicher oder gar der einzige Grund dieser Spannungen ist; das Igel-Beispiel ist zwar sehr suggestiv, aber nicht schlüssig. Ständige, unausweichliche hautnahe Berührung ohne Rückzugs- oder private Erholungsmöglichkeit erzeugt gewiß Konfliktstoffe, die denen völliger Isolierung und Abgeschlossenheit zuweilen nicht unähnlich sind. Studien über die dem Menschen gemäße optimale Distanz und vor allem über die Wirkungen raschen oder langsamen Wechsels zwischen Kontaktüberangebot und Kontaktmangel stehen noch aus. Wenn zum Beispiel zehntausend Menschen auf einem relativ kleinen Territorium zusammengedrängt leben, müssen auf diesem Territorium mehr Konflikte ausgetragen werden, als wenn sich diese zehntausend Menschen auf ein zehnmal so großes Territorium verteilen, immer vorausgesetzt, daß das Konfliktniveau unverändert ist. Aber ob sich die Konflikte wirklich verzehnfachen, weil der Lebensraum auf ein Zehntel zusammenschrumpft, das weiß ich nicht.

Dabei spielt noch etwas eine große Rolle: daß nämlich – entgegen der ideologischen Verfälschung – Intimität Konflikte nicht immer mildert, sondern sowohl verstärkt als auch offensichtlicher werden läßt. Die stärksten Konflikte gibt es ja bekanntlich in dem intimsten Verband: in der Familie.

Im Mai 1970 berieten bei der Unesco in Paris Biologen, Zoologen und Wissenschaftler anderer Fachgebiete über die Frage, ob der Mensch, wie Konrad Lorenz sagte, ein aggressives Wesen aus Instinkt ist, und kamen zu dem Resultat, der Mensch habe keinen angeborenen Hang zur Aggressivität. Würden Sie das unterstreichen?

HACKER: Es gibt zwar keine absolut feststehende, spezifische, spezifisch lokalisierte Triebquelle für Aggression als solche; doch die aggressive Disposition, also das, was später Aggression heißt und zur Aggression wird, ist sowohl gehirnphysiologisch als auch in anderer Weise biologisch im Menschen absolut verankert. Ob man das nun Trieb nennt oder nicht, ist eine andere Sache. Daß die aggressive Disposition des Menschen biologisch besteht und daher unvermeidlich auch die Aggression – darüber gibt es überhaupt keinen vernünftigen Zweifel.