Walter Slotosch: "Das Geld, mit dem wir leben müssen – Panorama der Weltinflation"; 353 Seiten mit Bibliographie und Stichwortverzeichnis; Verlag Kurt Desch, München; 28,–Mark.

Stabilität ist wieder gefragt. Nachdem sie sich vom süßen Duft einer Inflation jahrelang hatten betören lassen und nur gelegentlich an den Wahlurnen der deutschen Bundesländer ihr schlechtes Gewissen hatten abstimmen lassen, sind die Bürger dieses Landes nun im Begriff, Slotosch zum Bestseller-Autor zu machen. Sie lassen sich auch nicht durch die Tatsache irre machen, daß die dramatische Suspendierung der Geldeinlösungspflicht des amerikanischen Dollars in Slotoschs Buch nicht mehr berücksichtigt werden konnte, obwohl sie doch der jüngsten Inflationsgeschichte geradezu eine Krone aufsetzt.

In der Tat: Wer schon immer den Verdacht hatte, daß Inflation mehr sei als Geldvermehrung und Preisboom, die man am Ende doch durch eine noch stärkere Ausweitung der Kaufkraft zügeln könne, erhält hier den Beweis. Inflation, und sei sie auch nur schleichend oder trabend, erschüttert Regierungen, täuscht die Sparer, betrügt die Rentner, macht die Reichen – Personen wie Staaten – kaum reicher, aber die Armen ärmer. Slotosch zählt alles auf. Die "enormen ökonomischen" Nachteile des Geldwertverfalls läßt er nicht aus dem Auge. Daß es darüber hinaus auch "gesellschaftspolitische und soziale Konsequenzen" gibt, deutet er indes nur an, ohne allzuviel Worte zu verlieren.

Dabei ist die soziale Desintegration, sei sie auch in Generationen von Lehrbüchern übergangen worden, der letztlich entscheidende Nachteil des unkontrollierten, papierenen Wachstums einer Wirtschaft. Hemmungsloser Kampf um den "gerechten" Anteil am Volkseinkommen, die moderne Variante des Kampfes aller gegen alle, Enttäuschung, wenn dieser Kampf doch immer wieder vergeblich geführt wurde, politische Unsicherheit und Zerfall des Staatswesens: Alle diese Symptome wiegen schwerer als wirtschaftliche Nachteile. Sie zeigen, wie sehr gerade liberale Demokratien, die nur wenige Selbsterhaltungsmechanismen besitzen, auf eine Politik der wirtschaftlichen Stabilität angewiesen sind. Sie entlarven die Dummheit der Frage, ob Wachstum nun bei Stabilität leichter sei als bei Inflation oder umgekehrt.

Diese nur noch auf einen wirtschaftlichen Aspekt beschränkte Fragestellung führt so wenig zu brauchbaren Ergebnissen und so sehr zu gefährlichen Mißverständnissen wie etwa die berüchtigten "rein juristischen" oder "rein medizinischen" Betrachtungsweisen nichtwirtschaftlicher Berufsgruppen. Gewiß, Slotosch hat sich keineswegs nur an die wirtschaftlichen Folgeerscheinungen der Inflation festgeklammert. Er ist insofern vom Vorwurf der intellektuellen Einseitigkeit frei. Dennoch hätte er den Standpunkt des "Stabilitätspolitikers" glaubhafter machen können.

Denn dieser Standpunkt gilt nun einmal vielen Fachleuten als anstößig. Wer den Vorrang der Stabilität betont, wird allzu leicht als "Stabilitätsapostel" denunziert. Man nimmt ihn nicht mehr ernst. Vielleicht kann Slotosch diesem Schicksal entgehen. Denn: Dem Buch merkt man große Sachkunde an. Und da sein Autor zu den bekanntesten deutschen Wirtschaftsjournalisten gehört, ist es auch verständlich geschrieben.

Dieter Viel

  • Sehr empfehlenswert