Die verschleierte Aggression

Von Hans Krieger

Das Massaker von Attica, Flugzeugentführungen, Geiselmorde, Folterungen politischer Gefangener, die bestialischen Grausamkeiten in Vietnam – wer die "Brutalisierung der modernen Welt" behauptet, findet Fakten, die seine Thesen stützen, täglich in der Zeitung. Hat nicht die Kriminalität so überhand genommen, daß "XY" und "Bild" für law and order sorgen müssen? Sitzt nicht zeitweilig in jedem Hamburger BMW ein Mitglied der Meinhof-Bande? Und wird nicht in Theaterprogrammheften ungeniert zur Ermordung von Oberbürgermeistern aufgehetzt?

Einem Zeitgenossen der Kreuzzüge und Albigenserkriege wären zu der gleichen These vermutlich auch schon Argumente eingefallen. Wir vergessen leicht, daß das Mittelalter nicht nur Dome baute und Minnesängern lauschte, sondern auch Exzesse kollektiven Sadismus kannte und von einer endlosen Welle blutiger sozialer Unruhen erschüttert wurde, von denen in unseren Geschichtsbüchern wenig steht.

"Da die alte Selbstverständlichkeit dem neuen Selbstverständnis wich, hat sich der Homo sapiens, die Krone der Schöpfung, in den Homo brutalis, die entfesselte Bestie ohne Hemmungen, verwandelt", heißt es gleich zu Beginn in dem jüngsten Versuch eines Psychiaters, menschlicher Aggression psychoanalytisch auf die Schliche zu kommen –

Friedrich Hacker: "Aggression – Die Brutalisierung der modernen Welt"; Verlag Fritz Molden, Wien/München/Zürich; 464 S., 26,–DM.

Ich verstehe diesen Satz nicht. Was ist das für eine alte Selbstverständlichkeit, wie selbstverständlich war sie, und wie versteht sich das neue Selbstverständnis? Welcher Art ist der hier angedeutete Begründungszusammenhang?

Ich fürchte, der Autor, Universitätsprofessor und Klinikdirektor in Kalifornien und Präsident der Sigmund-Freud-Gesellschaft, erliegt selber der Verführung zu jener vereinfachenden Plausibilität, die zerstören zu wollen er behauptet – und dazu den Verlockungen eines schriftstellerischen Ehrgeizes, der gerne noch den abgegriffensten Gemeinplatz zum blitzenden Aphorismus schleift und dabei leicht in wortspielerischen Leerformeln hängen bleibt (zum Beispiel: "Das Bestehende erhält sich durch die Macht der Autorität und die Autorität der Macht"; oder: "Erst durch ihre Rechtfertigung wird die Gewalt der Macht verläßlich zur Macht der Gewalt, zur Machtordnung und zur Ordnungsmacht"). – –

Die verschleierte Aggression

Waren die amerikanischen Neger Homines sapientes, solange sie sich willig terrorisieren ließen, wurden sie zu Homines brutales, als sie sich entschlossen, das weiße Monopol der Gewalt nicht mehr anzuerkennen? Das Kapitel, das Hacker dem Rassenproblem widmet, ergibt ein durchaus differenzierteres Bild. Aber der Einsicht in die komplexen Mechanismen der Eskalation der Gewalt ist es wenig förderlich, wenn sie vorweg mit pauschalen Gefühlsurteilen belastet, wird, die an populäre Ängste appellieren.

Hacker schreibt nicht nur als Psychoanalytiker, sondern auch als Bürger der Vereinigten Staaten, der die Erschütterungen der US-Gesellschaft mit der geschärften Sensibilität des Immigranten wahrnimmt, die Aushöhlung des amerikanischen Selbstverständnisses durch das südostasiatische Auschwitz mit Sorge registriert und mit Schrecken die Gefahr gewalttätiger Entladungen unbewältigter und unbeherrschbar gewordener innenpolitischer Spannungen heraufdämmern sieht. Teils wissenschaftliche Abhandlung, teils moralischer Traktat, teils verzweifelte Anstrengung liberaler Vernunft gegen ihre eigene Ratlosigkeit, ist das-Buch aber zugleich das Werk eines seigneuralen Causeurs, der sich allerlei von der Seele redet, seinen Witz brillieren und seinen sprachkünstlerischen Ambitionen die Zügel schießen läßt und seine forensischen Erfahrungen als Kriminalpsychiater mit schnoddriger Eleganz zu Horror-Histörchen verarbeitet.

Das Buch ist eigentümlich komponiert. Es beginnt mit 25 teils brillanten, teils banalen "Thesen zur Gewalt", in denen das gedankliche und sprachliche Material bereitgestellt wird, das dann in mannigfachen Variationen das ganze Werk leitmotivisch durchzieht. Es schreitet fort mit der Schilderung von "Fällen", bei der der genüßliche Plauderton die didaktische Absicht zunichte macht, füllt die Lücken zwischen theoretischen Kapiteln mit uferlosen Materialsammlungen zur Zeitgeschichte auf, schaltet Parabeln, Berichte über Experimente und literarische Analysen ein, läßt drei berühmte Zeitgenossen – Konrad Lorenz, Karl Menninger und Herbert Marcus? – zu unergiebigem Streitgespräch und dazu noch einen imaginären Anonymus als bequemen Packesel für Argumente und Repliken aufmarschieren und mündet in einen Erguß von Bekenntnissen, in denen Hacker, pendelnd zwischen Eulenspiegelei und Ernst, mit allen möglichen Autoren und schließlich, ironisch kokettierend, gar mit sich selber übereinstimmt, so daß garantiert jeder etwas darin findet, das ihm paßt oder an dem er sich ärgern kann. Nüchterne Erkenntnisarbeit verschlingt sich mit emphatischem Wortgedröhn, Analyse versickert in üppiger Garnierung – wer aus diesem ambitiösen Redefluß herausfischen will, was der Autor an wesentlichen Einsichten zum Thema beizutragen hat, der wappne sich mit Geduld und der eisernen Entschlossenheit, sich auf gar keinen Fall durch Langeweile abschrecken zu lassen.

Hackers Hauptthema ist die Verleumdung und Verschleierung der Aggression, die es unter ihren zahllosen Verkleidungen, Deckmäntelchen und falschen Etiketten aufzuspüren gilt – von der unbewußten Projektion eigener aggressiver Tendenzen auf den vermeintlichen oder wirklichen Feind, gegen den man dann aus purer Selbstverteidigung aggressiv sein darf, über die latente Aggression institutioneller Sachzwänge bis zur scheinheiligen oder gutgläubigen Rechtfertigung offener Gewalt im Namen der hehrsten Ideale.

Bei der Demaskierung entfaltet Hacker viel Spürsinn, aber grundstürzend neu sind die Erkenntnisse kaum, die er zutage fördert. Die Mechanismen der Projektion; die Entlastung des Gewissens durch Autoritäten, in deren Auftrag und auf deren Verantwortung man aggressiv ist (Nation, Partei oder was immer); die Ablenkung aggressiver Innenspannungen einer Gruppe auf äußere Feinde oder unbequeme Minoritäten; das Kind, als Aggressionsobjekt der Erwachsenen unter dem Deckmantel der Erziehung; die Heiligung der Gewalt im Namen erhabener Ideale – alles das sind bekannte Phänomene; das theoretische Verständnis solcher psychologischer Mechanismen garantiert freilich nicht, daß man sie auch bei sich selber durchschaut.

Und auch die Ventilfunktion des Verbrechers, der die latente Aggression der Gesellschaft gleich doppelt ausdrückt, handelnd im Delikt und leidend in der Strafe, ist anderswo – nicht nur bei dem etwas verrufenen Paul Reiwald – längst gründlicher analysiert, auch wenn Justiz und Öffentlichkeit sich bisher wenig davon beeindrucken ließen.

Zwischen den beiden konträren Aggressionstheorien (Aggression als Urtrieb und daher biologisch ererbt, Aggression als Reaktion auf vitale Versagung und daher sozial vermittelt) sucht Hacker einen vermittelnden Standort. Da er beide Positionen in ihrer extremsten Formulierung vorstellt – hier die geborene Bestie, dort die soziale Marionette – gelingt ihm das verhältnismäßig leicht. Er definiert Aggression "als jene dem Menschen innewohnende Disposition und Energie, die sich ursprünglich in Aktivität und später in den verschiedensten individuellen und kollektiven, sozial gelernten und sozial vermittelten Formen von Selbstbehauptung bis zur Grausamkeit ausdrückt".

Die verschleierte Aggression

Die Disposition also ist ererbt, ist "Trieb" (daß das sonst fleißig gebrauchte Wort in der Definition vermieden wird, mag immerhin auffallen), die Äußerungsformen aber werden gelernt. Aggression wird dabei sehr global gefaßt: Der Begriff deckt reine Aktivität ebenso wie Grausamkeit. Diese Verwendung des Begriffs hat sich in der Psychoanalyse weithin durchgesetzt. Aktivität mit dem willentlichen und bewußten Zufügen von Schmerz ineinszusetzen, bereitet jedoch unlösbare Schwierigkeiten. Man behilft sich, indem man Übergänge annimmt: Entweder wird destruktive Aggression zur Aktivität sublimiert oder Aktivität zur Destruktion pervertiert. Akzeptiert man die Sublimationstheorie, so verfällt man einer Art säkularisierter Erosündelehre, die biologisch unhaltbar ist; hält man sich an die Perversionstheorie, so hat man die Triebqualität der Destruktion schon verleugnet und die Frustrations-Aggressions-Hypothese adoptiert; pendelt man zwischen beiden, wie es etwa Mitscherlich tut, so bleibt man im Dilemma stecken.

Eine gründliche und kritische theoretische Aufarbeitung der Aggressionsforschung läßt Hacker leider vermissen; dafür behält er die Freudscie Triebmythologie mit ihrem dualistischen Konzept zweier antagonistischer Grundtriebe, von der er sich zunächst behutsam abgesetzt hat, für den geeigneten Moment in der Reserve: Der Lebenstrieb müsse seinen Gegenspieler haben, der Tod und lebensfeindliche Regungen verständlich mache. Dieses Konzept gerät nun freilich wieder in Widerspruch mit dem Globalbegriff der Aggression, denn. Aktivität, ohne die keine produktive Lebensäußerung denkar ist, mit einem lebensfeindlichen Prinzip zu identifizieren, wäre absurd.

Auf diese Widersprüche muß hingewiesen werden, weil mit der Theorie, destruktive Aggression entspringe einem ursprünglichen Triebbedürfnis, wichtige Fragerichtungen abgeblockt werden.

Hackers Absicht ist freilich nicht, die psychoanalytische Triebtheorie zu bereichern, sondern die Bedingungen zu erhellen, unter denen latente Aggressionsbereitschaft zur manifesten Gewalt wird. Seiner Forderung, die eingängigen Schablonen simplifizierender Freund-Feind-Polarisierung zu meiden, Toleranz für Komplexität zu entwickeln, Probleme, die nur gewaltsam lösbar scheinen, neu zu durchdenken und Alternativen zur Strategie der Gewalt zu erarbeiten, kann man leicht zustimmen. Für das Verständnis etwa des Vietnam-Krieges ist freilich wenig gewonnen, wenn uns klargemacht wird, daß Amerikaner wie Nordvietnamesen gleichermaßen von ihrer Rechtfertigungsideologie verblendet sind und von dem gleichen guten Glauben zu wechselseitiger übler Gewalt gezwungen werden. Auch hinter solch wohlabgewogener Unparteilichkeit kann sich die Verleugnung der Realität verstecken.

Hacker ist sich dessen bewußt. In einer "polarisierten, fanatisierten, gewaltstrotzenden Welt" hält er den bedingungslosen Verzicht auf Gewalt unter allen Umständen für entweder wahnhaft unvernünftige Überschätzung der Vernunft oder hochmütige Gleichgültigkeit gegen das Fortbestehen vermeidbaren Leides". Mindestens dreimal kehrt der Satz wieder: "Der Appell zum Gewaltverzicht sollte nicht immer nur an die Habenichtse der Gewalt gerichtet werden, sondern an die Besitzer und Kontrolleure der latenten und manifesten Machtmittel."

Mit Recht verwirft Hacker Lösungsvorschläge, "die zwar zur Veränderung aufrufen, aber jene Kräfte und Mächte aussparen wollen, die sich fundamentaler Veränderung widersetzen", als leere Redensarten. Aber wer sind jene Kräfte und Mächte, wer sind die Herrschenden, von denen öfters die Rede ist, und wie bewegt man sie zum Verzicht auf ihre Herrschaftspositionen? Durch Appelle an die Vernunft, die so rührend schön im Schlußkapitel ausgesprochen werden?

Hacker mag recht haben: "Nicht die Herbeiführung bestimmter Lösungen, sondern die Schaffung der materiellen und psychologischen Bedingungen für Lösungsbereitschaft ist nächste Aufgabe von öffentlicher Aufklärung." Wie aber sollen die materiellen Bedingungen geschaffen werden, wenn die materiellen Mächte, die sie verhindern, nicht klar erkannt und beim Namen genannt werden?

Die verschleierte Aggression

Ohne eine ausgebaute Gesellschaftstheorie ist das nicht zu leisten.

Hacker spricht von der "Irrationalität der... durch Macht- und Besitzverteilung manipulierten Aggression"; mit scharf gespitzten Aperçus zieht er gegen Generäle, Industriekapitäne und Politiker vom Leder, die den Massen die Segnungen der Blindheit verordnen, um sehend lenken zu können. Aber Näheres über die Zusammenhänge zwischen wirtschaftlicher und politischer Macht und gesellschaftlicher Aggression erfährt man nicht. So kann die Forderung nach "menschlicher Kontrolle über die Institution an Stelle der gegenwärtigen Kontrolle des Menschen durch die Institutionen keinen konkreten Inhalt gewinnen. Was bleibt, ist eine teils sympathische, teils in ihrer weitschweifigen Redseligkeit ermüdende Predigt und ein Haufen offener Fragen.

Erschöpft von der Lektüre, wünscht man sich, ein guter Freund hätte dem Autor rechtzeitig geraten, den wuchernden Wildwuchs seiner Assoziationen, Fabulationen, Spekulationen, Aberrationen und Konfessionen kräftig zurückzuschneiden und dafür seine Hauptthesen klar und folgerichtig zu entwickeln und gründlich zu belegen. So liegt nun ein massiver Brocken wissenschaftlicher Belletristik allzu gewichtig in den Seller-Tellern.