Waren die amerikanischen Neger Homines sapientes, solange sie sich willig terrorisieren ließen, wurden sie zu Homines brutales, als sie sich entschlossen, das weiße Monopol der Gewalt nicht mehr anzuerkennen? Das Kapitel, das Hacker dem Rassenproblem widmet, ergibt ein durchaus differenzierteres Bild. Aber der Einsicht in die komplexen Mechanismen der Eskalation der Gewalt ist es wenig förderlich, wenn sie vorweg mit pauschalen Gefühlsurteilen belastet, wird, die an populäre Ängste appellieren.

Hacker schreibt nicht nur als Psychoanalytiker, sondern auch als Bürger der Vereinigten Staaten, der die Erschütterungen der US-Gesellschaft mit der geschärften Sensibilität des Immigranten wahrnimmt, die Aushöhlung des amerikanischen Selbstverständnisses durch das südostasiatische Auschwitz mit Sorge registriert und mit Schrecken die Gefahr gewalttätiger Entladungen unbewältigter und unbeherrschbar gewordener innenpolitischer Spannungen heraufdämmern sieht. Teils wissenschaftliche Abhandlung, teils moralischer Traktat, teils verzweifelte Anstrengung liberaler Vernunft gegen ihre eigene Ratlosigkeit, ist das-Buch aber zugleich das Werk eines seigneuralen Causeurs, der sich allerlei von der Seele redet, seinen Witz brillieren und seinen sprachkünstlerischen Ambitionen die Zügel schießen läßt und seine forensischen Erfahrungen als Kriminalpsychiater mit schnoddriger Eleganz zu Horror-Histörchen verarbeitet.

Das Buch ist eigentümlich komponiert. Es beginnt mit 25 teils brillanten, teils banalen "Thesen zur Gewalt", in denen das gedankliche und sprachliche Material bereitgestellt wird, das dann in mannigfachen Variationen das ganze Werk leitmotivisch durchzieht. Es schreitet fort mit der Schilderung von "Fällen", bei der der genüßliche Plauderton die didaktische Absicht zunichte macht, füllt die Lücken zwischen theoretischen Kapiteln mit uferlosen Materialsammlungen zur Zeitgeschichte auf, schaltet Parabeln, Berichte über Experimente und literarische Analysen ein, läßt drei berühmte Zeitgenossen – Konrad Lorenz, Karl Menninger und Herbert Marcus? – zu unergiebigem Streitgespräch und dazu noch einen imaginären Anonymus als bequemen Packesel für Argumente und Repliken aufmarschieren und mündet in einen Erguß von Bekenntnissen, in denen Hacker, pendelnd zwischen Eulenspiegelei und Ernst, mit allen möglichen Autoren und schließlich, ironisch kokettierend, gar mit sich selber übereinstimmt, so daß garantiert jeder etwas darin findet, das ihm paßt oder an dem er sich ärgern kann. Nüchterne Erkenntnisarbeit verschlingt sich mit emphatischem Wortgedröhn, Analyse versickert in üppiger Garnierung – wer aus diesem ambitiösen Redefluß herausfischen will, was der Autor an wesentlichen Einsichten zum Thema beizutragen hat, der wappne sich mit Geduld und der eisernen Entschlossenheit, sich auf gar keinen Fall durch Langeweile abschrecken zu lassen.

Hackers Hauptthema ist die Verleumdung und Verschleierung der Aggression, die es unter ihren zahllosen Verkleidungen, Deckmäntelchen und falschen Etiketten aufzuspüren gilt – von der unbewußten Projektion eigener aggressiver Tendenzen auf den vermeintlichen oder wirklichen Feind, gegen den man dann aus purer Selbstverteidigung aggressiv sein darf, über die latente Aggression institutioneller Sachzwänge bis zur scheinheiligen oder gutgläubigen Rechtfertigung offener Gewalt im Namen der hehrsten Ideale.

Bei der Demaskierung entfaltet Hacker viel Spürsinn, aber grundstürzend neu sind die Erkenntnisse kaum, die er zutage fördert. Die Mechanismen der Projektion; die Entlastung des Gewissens durch Autoritäten, in deren Auftrag und auf deren Verantwortung man aggressiv ist (Nation, Partei oder was immer); die Ablenkung aggressiver Innenspannungen einer Gruppe auf äußere Feinde oder unbequeme Minoritäten; das Kind, als Aggressionsobjekt der Erwachsenen unter dem Deckmantel der Erziehung; die Heiligung der Gewalt im Namen erhabener Ideale – alles das sind bekannte Phänomene; das theoretische Verständnis solcher psychologischer Mechanismen garantiert freilich nicht, daß man sie auch bei sich selber durchschaut.

Und auch die Ventilfunktion des Verbrechers, der die latente Aggression der Gesellschaft gleich doppelt ausdrückt, handelnd im Delikt und leidend in der Strafe, ist anderswo – nicht nur bei dem etwas verrufenen Paul Reiwald – längst gründlicher analysiert, auch wenn Justiz und Öffentlichkeit sich bisher wenig davon beeindrucken ließen.

Zwischen den beiden konträren Aggressionstheorien (Aggression als Urtrieb und daher biologisch ererbt, Aggression als Reaktion auf vitale Versagung und daher sozial vermittelt) sucht Hacker einen vermittelnden Standort. Da er beide Positionen in ihrer extremsten Formulierung vorstellt – hier die geborene Bestie, dort die soziale Marionette – gelingt ihm das verhältnismäßig leicht. Er definiert Aggression "als jene dem Menschen innewohnende Disposition und Energie, die sich ursprünglich in Aktivität und später in den verschiedensten individuellen und kollektiven, sozial gelernten und sozial vermittelten Formen von Selbstbehauptung bis zur Grausamkeit ausdrückt".