Die Disposition also ist ererbt, ist "Trieb" (daß das sonst fleißig gebrauchte Wort in der Definition vermieden wird, mag immerhin auffallen), die Äußerungsformen aber werden gelernt. Aggression wird dabei sehr global gefaßt: Der Begriff deckt reine Aktivität ebenso wie Grausamkeit. Diese Verwendung des Begriffs hat sich in der Psychoanalyse weithin durchgesetzt. Aktivität mit dem willentlichen und bewußten Zufügen von Schmerz ineinszusetzen, bereitet jedoch unlösbare Schwierigkeiten. Man behilft sich, indem man Übergänge annimmt: Entweder wird destruktive Aggression zur Aktivität sublimiert oder Aktivität zur Destruktion pervertiert. Akzeptiert man die Sublimationstheorie, so verfällt man einer Art säkularisierter Erosündelehre, die biologisch unhaltbar ist; hält man sich an die Perversionstheorie, so hat man die Triebqualität der Destruktion schon verleugnet und die Frustrations-Aggressions-Hypothese adoptiert; pendelt man zwischen beiden, wie es etwa Mitscherlich tut, so bleibt man im Dilemma stecken.

Eine gründliche und kritische theoretische Aufarbeitung der Aggressionsforschung läßt Hacker leider vermissen; dafür behält er die Freudscie Triebmythologie mit ihrem dualistischen Konzept zweier antagonistischer Grundtriebe, von der er sich zunächst behutsam abgesetzt hat, für den geeigneten Moment in der Reserve: Der Lebenstrieb müsse seinen Gegenspieler haben, der Tod und lebensfeindliche Regungen verständlich mache. Dieses Konzept gerät nun freilich wieder in Widerspruch mit dem Globalbegriff der Aggression, denn. Aktivität, ohne die keine produktive Lebensäußerung denkar ist, mit einem lebensfeindlichen Prinzip zu identifizieren, wäre absurd.

Auf diese Widersprüche muß hingewiesen werden, weil mit der Theorie, destruktive Aggression entspringe einem ursprünglichen Triebbedürfnis, wichtige Fragerichtungen abgeblockt werden.

Hackers Absicht ist freilich nicht, die psychoanalytische Triebtheorie zu bereichern, sondern die Bedingungen zu erhellen, unter denen latente Aggressionsbereitschaft zur manifesten Gewalt wird. Seiner Forderung, die eingängigen Schablonen simplifizierender Freund-Feind-Polarisierung zu meiden, Toleranz für Komplexität zu entwickeln, Probleme, die nur gewaltsam lösbar scheinen, neu zu durchdenken und Alternativen zur Strategie der Gewalt zu erarbeiten, kann man leicht zustimmen. Für das Verständnis etwa des Vietnam-Krieges ist freilich wenig gewonnen, wenn uns klargemacht wird, daß Amerikaner wie Nordvietnamesen gleichermaßen von ihrer Rechtfertigungsideologie verblendet sind und von dem gleichen guten Glauben zu wechselseitiger übler Gewalt gezwungen werden. Auch hinter solch wohlabgewogener Unparteilichkeit kann sich die Verleugnung der Realität verstecken.

Hacker ist sich dessen bewußt. In einer "polarisierten, fanatisierten, gewaltstrotzenden Welt" hält er den bedingungslosen Verzicht auf Gewalt unter allen Umständen für entweder wahnhaft unvernünftige Überschätzung der Vernunft oder hochmütige Gleichgültigkeit gegen das Fortbestehen vermeidbaren Leides". Mindestens dreimal kehrt der Satz wieder: "Der Appell zum Gewaltverzicht sollte nicht immer nur an die Habenichtse der Gewalt gerichtet werden, sondern an die Besitzer und Kontrolleure der latenten und manifesten Machtmittel."

Mit Recht verwirft Hacker Lösungsvorschläge, "die zwar zur Veränderung aufrufen, aber jene Kräfte und Mächte aussparen wollen, die sich fundamentaler Veränderung widersetzen", als leere Redensarten. Aber wer sind jene Kräfte und Mächte, wer sind die Herrschenden, von denen öfters die Rede ist, und wie bewegt man sie zum Verzicht auf ihre Herrschaftspositionen? Durch Appelle an die Vernunft, die so rührend schön im Schlußkapitel ausgesprochen werden?

Hacker mag recht haben: "Nicht die Herbeiführung bestimmter Lösungen, sondern die Schaffung der materiellen und psychologischen Bedingungen für Lösungsbereitschaft ist nächste Aufgabe von öffentlicher Aufklärung." Wie aber sollen die materiellen Bedingungen geschaffen werden, wenn die materiellen Mächte, die sie verhindern, nicht klar erkannt und beim Namen genannt werden?