Von Gottfried Sello

Ist der Boom vorbei? Hat der Kunsthandel sich auf eine lange Talfahrt einzurichten? Wurden wenigstens die nicht unerheblichen Unkosten eingespielt, die vom Vorsitzenden Dieter Brusberg auf runde 15 000 Mark pro Galerist und Koje geschätzt werden? Zweckoptimismus wurde außer den mindestens 1500 Objekten auf dem Kölner Kunstmarkt zur Schau gestellt, muntere Reden begleiteten das mitunter schleppende Geschäft. Am ersten Tag war von der Lokomotive die Rede, die auch erst langsam in Gang kommt. Am besten kamen die über die Runden, die sich, vorgewarnt durch die seit dem Frühjahr 71 rückläufige Markttendenz, keine großen Illusionen über Köln gemacht hatten.

Von einer Pleite des KKM VI (Kölner Kunstmarkt = Cologne Art Fair = Cologne Foire d’Art) kann ernsthaft nicht die Rede sein, allenfalls von einer Flaute, der Vorsitzende Brusberg empfiehlt eine differenzierte Beurteilung. Man habe in etwa den Umsatz des Vorjahrs erreicht, der mit 5 Millionen Mark angegeben wurde. Nur daß sich 1971 sehr viel mehr Galerien in die Summe teilen mußten.

1970 war der progressive deutsche Kunsthandel noch unter sich gewesen, 18 Mitglieder des Vereins und 7 Gäste aus der Bundesrepublik. 1971 waren zum erstenmal auch ausländische Galerien eingeladen, und das ist natürlich nicht nur eine noble Geste, mit der sich der Verein der Progressiven gegenüber chauvinistischen oder monopolistischen Unterstellungen rechtfertigt, sondern ein Bekenntnis zur wirtschaftlichen Realität, zur Verknüpfung des deutschen und des internationalen Kunsthandels und zu der Tatsache, daß sich das Experiment Kölner Kunstmarkt seit 1967 trotz der progressiven Konkurrenzunternehmen zur wichtigsten internationalen Kunstmesse gemausert hat: Diese Spitzenposition erfordert, aus rein merkantilen Erwägungen, internationale Beteiligung.

Daß die zehn ausländischen Galerien den Kunstmarkt 1971 um wesentliche Akzente bereichert haben (auch wenn sie den kommerziellen Erfolg der deutschen Teilnehmer beeinträchtigen), ist gar nicht zu bestreiten.

Castelli, New Yorks Topgalerist, war mit großem Geschütz aufgefahren, drei Bilder, drei Riesenformate, drei Namen: Stella, Rosenquist, Lichtenstein, mit denen er den deutschen Kollegen die Schau stehlen wollte, in der Preisklasse zwischen 150 000 und 300 000 Mark.

Ileana Sonnabend (Paris) hatte ihre gesamte Koje mit den neuesten Kreationen ihres Altfavoriten Rauschenberg bestückt, der in eine neue, nicht seine beste Phase eingetreten ist, er fertigt Collagen aus Pappkarton, die symbolischen Tiefsinn vermuten lassen und bis zu 16 000 Dollar kosten. Was nur hat diesen eminenten Künstler bewogen, gegen sein Talent zu wüten?