Von Horst Bieber

Drei Politikern der Weimarer Republik galt der uneingeschränkte Haß der nationalistischen Opposition; zwei fielen ihren Mordanschlägen zum Opfer: Der "Verräter, G’schaftelhuber und Katholik" Matthias Erzberger und der "Erfüllungspolitiker und Jude" Walther Rathenau. Der dritte, der "Renegat" Gustav Stresemann, konnte als Außenminister wenigstens teilweise das verwirklichen, was dem so unterschiedlichen Trio vorgeschwebt hatte, nämlich die Folgen des Versailler Friedensvertrages mit den, nicht gegen die Siegermächte zu beseitigen.

Die umstrittenste Person war zweifellos Rathenau. Zu groß waren die Widersprüche: ein dichtender Industrieller; ein Herr über fast tausend Werke und Betriebe, der einen verschwommenen Gemeinschaftssozialismus predigte; ein Jude, der stolz die Taufe, das Einnehmen in die preußische Gesellschaft, ausschlug und dennoch antijüdische Pamphlete schrieb; der Organisator der Kriegsrohstoffwirtschaft, der düster ein schlimmes Ende prophezeite, alldeutsche Gebietsforderungen bekämpfte und doch "rein wirtschaftlich" eine nicht minder drückende deutsche Hegemonie in Europa errichten wollte; ein Kritiker der militärischen und politischen Führung in Deutschland, der sich Ludendorff andiente und zum bitteren Ende eine "levée en masse" propagierte.

Die nationalistischen Schreier lösten diese Widersprüche mit dem Hinweis auf die "Rasse" auf; etwas klügere Beobachter entdeckten den Widerspruch bereits in der Persönlichkeit selbst. Rathenau war ein charmanter Plauderer, doch stets umgeben von einem unsichtbaren, undurchdringlichen Schutzwall; ein Mann mit vielen Bekannten, doch ohne Freunde; ein überragender Intellektueller, doch ohne Gefühl, Selbstironie und Humor – ein rastloser Geist, der immer handeln mußte, ohne Befriedigung zu finden:

Harry Wilde: "Walther Rathenau in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten"; Rowohlt Monographie 180; Rowohlt Taschenbuch-Verlag, Reinbek 1971; 190 S., 2,80 DM.

Wildes These zur Erklärung dieser Gegensätze ist weder neu noch überraschend: Rathenau war ein Homosexueller, dem ein überscharfer Verstand stets die gesellschaftlichen Folgen einer Entdeckung – Krupp, "Phili" Eulenburg – projizierte und dem ein tiefeingewurzelter Schuldkomplex die Liebe zu den blonden, strammen und etwas dümmlichen Jungmännern verbot.

Die Objekte seiner Zuneigung waren, so deutet Wilde an, das Gegenteil seiner selbst. Aber nicht ausschließlich. Sie repräsentierten eine Gesellschaft, die Rathenau bewunderte, weil sie ihm – und hier muß der Autor korrigiert werden – verschlossen blieb. Der Kaiser empfing ihn; die Kaiserin trank in seinem Elternhause Tee – was besagte das schon? Es war eine Reverenz an die Position, nicht an die Person, und für den überempfindlichen Rathenau blieb dies die entscheidende Differenz.