Von Thomas von Randow

Wissenschaft lebt von der Kommunikation. Wissenschaftler müssen Gelegenheit haben, untereinander Erfahrungen und Gedanken auszutauschen – im persönlichen Gespräch, im Briefwechsel, im Studium von Publikationen der Kollegen. Wenn dieser Informationsfluß behindert wird, laufen Wissenschaftler Gefahr, daß sie Forschung treiben, die anderenorts schon erledigt ist, daß sie Fehler machen, die andere schon vor ihnen gemacht haben, daß sie Wege beschreiten, die sich längst als unbegehbar erwiesen haben, daß ihre Phantasie mangels Anregung allmählich verkümmert. Je mehr sich die Wissenschaft in Spezialgebiete verzweigt, desto dichter muß das Netz dieser unentbehrlichen Informationskanäle sein, aber je dichter es ist, desto empfindlicher wird es gegen Verstopfungen – lange schon ist dieses Netz weltumspannend.

Binsenweisheit? Gewiß, aber nicht überall richtet man sich danach, zum Beispiel in der Sowjetunion. Darüber beschwert sich der sowjetische Biochemiker Shores A. Medwedjew, dessen Arbeiten auf dem Gebiet der experimentellen Gerontologie internationale Anerkennung gefunden haben. Er beschwert sich gründlich, auf 470 eng bedruckten Seiten in seinem Buch:

Zhores A. Medvedev: "The Medvedev Papers – The Plight of Soviel Science Today"; Macmillan, St. Martins Press, London 1971; 470 Seiten; 4.95 £

"The Plight", die mißliche Lage also der sowjetischen Wissenschaft, soll, das suggeriert der Titel, analysiert werden. Das tut Medwedjew nicht. Er setzt als bekannt voraus, daß jedermann weiß, wie sehr die sowjetische Wissenschaft hinter dem internationalen, vor allem dem westlichen Standard, herhinkt. Er sucht nach den Gründen dafür und findet vier:

  • Wichtige Forschungsdisziplinen haben jahrzehntelang in einer ideologischen Zwangsjacke gesteckt; schlimmstes Beispiel: das Verbot aller von Trofim Lyssenkos grotesker Lehrmeinung abweichenden genetischen Theorien.
  • Wissenschaftler haben kaum Gelegenheit, an Fachkonferenzen im kapitalistischen Ausland teilzunehmen.
  • Bürokratie und Zensur behindern den Briefwechsel mit ausländischen Kollegen.
  • Bürokratie und Zensur, erschweren oder verhindern gar das Studium der ausländischen Fachliteratur.

All dies habe, so Medwedjew, eine gemeinsame Wurzel: Der sowjetische Staat mißtraut seinen Bürgern. In jedem Individuum sieht er zunächst nur einen potentiellen Verräter.