Doktor Medwedjew verliert schnell die Lust an der allgemeinen Beschreibung und Durchleuchtung der wissenschaftlichen Situation seines Landes. Als Naturwissenschaftler ist er es gewchnt, Geheimnisse zu enträtseln. Also spekuliert er nicht lange über das Ausmaß der Kommunikationsbehinderungen, er geht der Sache auf den Grund.

Ein Sowjetbürger, der in ein kapitalistisches Land reisen will, hat sich unvorstellbarer Mühen zu unterziehen, um eine Genehmigung dafür zu beantragen. Da ist ein endloser Fragebogen auszufüllen, ein detaillierter Lebenslauf muß verfaßt werden, begleitet von einer Liste sämtlicher Veröffentlichungen und einem ärztlichen Attest, alles in doppelter Ausführung, dazu zwölf.Paßbilder. Der unmittelbare Vorgesetzte hat ein Charaktergutachten zu erstellen. Das wird dann von einer Armee von Beamten, Kontrolleuren und Gutachtern in verschiedenen Büros von Partei und Behörden gelesen, beurteilt und vor allem mit der Personalakte verglichen, in der alles politisch Bedenkliche aus dem Leben des Bürgers vermerkt ist.

Medwedjew, der wiederholt vergeblich versucht hatte, Einladungen zu Fachtagungen im Westen zu folgen, verfolgt Weg und Schicksal eines solchen Antrags. Hartnäckig fahndet er nach einem Gesetz oder nach Vorschriften, die Paßformalitäten regeln – vergeblich. Ein Gesetz gibt es nicht, und die Vorschriften sind geheim.

Der zweite Teil seines Buches ist hauptsächlich einer Untersuchung des Postverkehrs mit dem kapitalistischen Ausland gewidmet. Medwedjew führt sie nach der Methodik des wissenschaftlichen Experiments aus. Von verschiedenen Orten aus verschickt er eingeschriebene Briefe mit verschiedenen Absendern zu verschiedenen Zeiten in verschiedener Aufmachung. Und alles wird säuberlich registriert und tabelliert, die Daten der Poststempel, der Briefeingänge, die verlorenen Sendungen, wann und wie sie von der Zensur geöffnet wurden. Das Resultat der Ermittlung wird analysiert, und es ergeben sich Rückschlüsse auf die Organisation der "schwarzen Behörde", die Briefe kontrolliert, auf ihre Effizienz, die Zahl ihrer Mitarbeiter, die Bedeutung ihrer Geheimstempel.

Der Leser erlebt, wie sich Medwedjew immer mehr in dieses Forschungsprojekt vertieft. Längst hat er sein ursprüngliches Anliegen, die sowjetische Wissenschaft, aus den Augen verloren. Er ist so gefesselt von seiner neuen Aufgabe, daß man fast nur beiläufig von seiner Entlassung aus dem Institut erfährt. Der weltbekannte Biochemiker wird wegen Unfähigkeit gefeuert. In Wahrheit hat ihn seine Ermittlungstätigkeit zu Fall gebracht. Man empfindet es als politisch schädigend, daß er Ausländern die Existenz einer Briefzensur offenbart, denn sie verstößt gegen das sowjetische Gesetz.

Shores Medwedjew ist nicht etwa Antikommunist. Er scheint nicht einmal auf die Idee zu kommen, daß die von ihm kritisierte Mißachtung der von den Vereinten Nationen freilich ohne Zustimmung der Sowjetunion kodifizierten Menschenrechte systemimmanent sein könnte. Er ist Sozialist und Patriot. Für ihn ist die Verbesserung der entwicklungsbedürftigen Wissenschaft in der Sowjetunion ein technisches und darum lösbares Problem. So erklärt sich die Naivität, mit der er am Ende der beiden Kapitel den verschiedenen Behörden Ratschläge erteilt.

Aufregend ist das alles durchaus. Doch hat man etwas anderes erwartet von einem Buch über die Situation der sowjetischen Wissenschaft heute, und von einer Veröffentlichung, derentwegen der Verfasser immerhin zwangsweise in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wurde.