Das atlantische Bündnis schickt seinen bisherigen Generalsekretär auf Kundschaft in die Staaten des Warschauer Paktes: Manlio Brosio soll die Bereitschaft des Ostens sondieren, sich auf einen beiderseitigen, ausgewogenen Truppenabbau auf dem europäischen Kontinent einzulassen. So jedenfalls beschlossen es in der vorigen Woche die stellvertretenden NATO-Außenminister in Brüssel.

Der Beschluß scheint Aktivität zu dokumentieren. Freilich läßt er sich auch genau andersherum auslegen: als Verlegenheitsgeste, solange die NATO-Verbündeten zur MBFR-Problematik weder eine klare noch eine einmütige Stellung bezogen haben. In der Tat gehen die Meinungen in der Allianz noch weit auseinander.

Die Amerikaner, denen der Sparzwang, der Senator Mansfield und der Präsidentschaftstermin 1972 im Genick sitzen, drücken jetzt aufs Tempo. Anscheinend sind sie bereit, ohne Federlesen alles zu machen, was ihnen schnell spürbare Erleichterungen verschafft – auch eine unkontrollierte, politisch nicht untermauerte, auf sowjetische und amerikanische Truppen beschränkte Reduzierung der Streitkräfte um fünf bis fünfzehn Prozent.

Hier hat die Bundesregierung zu Recht gebremst. Sie hat soviel Interesse an der Substanz der Sache wie irgendeiner. Ebenso groß ist jedoch ihr Interesse, daß nicht ein falscher, überstürzter erster Schritt weitere Schritte in die richtige Richtung erschwert. Der Truppenabbau darf sich auch in der ersten Phase nicht auf Amerikaner und Sowjets beschränken; er sollte nicht auf Deutschland begrenzt bleiben; und es müßten ihm bestimmte politische Maßnahmen – etwa eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit militärischer Verbände – parallel geschaltet werden, die Vertrauen schaffen, auf dem sich dann aufbauen ließe. Th. S.