Hat man den "Hölderlin" auf seiner ersten Runde über die deutschsprachigen Bühnen verfolgt, ihn also fünfmal (in Stuttgart, Basel, Hamburg, Krefeld, Berlin) gesehen und gehört, dann dröhnen einem die Ohren, von den unsäglichen Knittelversen nach, mit denen das Stück gespickt ist: Denn anders als im "Marat/de Sade", wo die Sprache von Weiss ja auch holpert und poltert und dauernd Reimschaum vor dem Mund trägt, zeigt sich beim "Hölderlin" leider, daß dieses "Reim dich – oder ich freß dich" keinen Freiraum läßt für eine konvulsivische Theatralik, die dort, beim "Marat/de Sade", in ihrer Entfesselung auch die Sprache beglaubigte, weil die Verwirrungen einer Epoche als fratzenhafter Alptraum gezeichnet wurden.

Jetzt aber, im "Hölderlin", stelzt das als Mixtur zwischen Studienratsdrama und chorischer Sonntagsfeier daher, die Figuren schleppen ihre großen Namen als Anzeigetafeln mit sich herum (ein Hotelboy, der Herrn Hegel eben mal ans Telephon holen soll) und sind im übrigen auf zwei, drei Kalendersprüche reduziert: Hegel – es gibt ein denkendes Subjekt; Marx – die Revolution muß vom dritten auf den vierten Stand übergreifen; Schelling – nur ein geglaubtes Absolutes gibt uns Halt.

Wenn ich also nach der Stuttgarter Uraufführung schrieb, das Stück sei spielbar, fast zu spielbar, dann stimmt daran – nach dem Ansehen von fünf Aufführungen – nur noch, daß das Publikum solche historischen Exkurse, die doch auch noch das Heute vermitteln wollen, wohlgefällig hinnimmt. Man buht niemanden an, der Hegel oder Fichte heißt, mag er reden, was er will; und man kann nicht ungerührt weggehen, wenn man im zweiten Teil einen Dichter erlebt, der doch so lange rührend wahnsinnig ist.

Hinzu kam, daß die Stuttgarter Inszenierung von Peter Palitzsch fast durchweg am besten mit den Peinlichkeiten des Stücks fertig wurde. Hinzu kommt auch, daß man nach der fünften Aufführung verzweifelt zusammenzukratzen sucht, was denn nun das Stück an Welteinsichten befördert: Es himmelt eine Verweigerung an, malt dazu in diffusen Szenen Schwarzweiß, kündet bald vom armen, unverstandenen Poeten und zehrt von historisch bedingter Besserwisserei: Wer Hölderlin ein Che-Guevara-Drama vorausahnen läßt, der hat es leicht, andere, die noch an Napoleon glauben, ins Unrecht zu setzen.

Der Rest ist nicht Schweigen, sondern Knittelvers: Bilder vom armen Poeten, der sich verdingen muß als Schulmeisterlein, Bilder von Leuten, die denunziert werden, indem man sie schöngeistig parlieren läßt, während ein Ansager ihre Einkünfte herausposaunt, und eine Dramaturgie, die durch den Sänger jederzeit zum Stillstand gebracht werden kann – Butzenscheiben, aber verfremdet. Im großen und ganzen also ein Schema, das so geht: Einer tritt auf, sagen wir Mozart, ein anderer sagt: Mit Ihrer Musik wird das nie was; zusätzlich läßt der Autor noch durchblicken, daß der Banause eine Bank hat oder Deutschnationaler ist oder gar ein Fürst.

Nun aber stemmten gleich im ersten Anlauf fünf Bühnen an dem "Hölderlin" herum, bis er zum "Ereignis" wurde, und ich muß zugeben, daß an diesem Stemm-Akt meine erste Rezension kräftig mitwirkte, indem sie den Gegenwarts-Appeal zu sehr für die Sache selber nahm, die mir nun, von Aufführung zu Aufführung mehr, gründlich ausgetrieben worden ist.

Denn was sah, was hörte man anderes als jene Selbstbestätigungsfeier, mit der das Theater sich ob seiner Kühnheit zu progressiven Themen mit breiten, mehr oder minder teuren Aufführungen auf die Schulter klopfte – und den Zuschauern auch: Gesinnungsbeifall mag abliefern, wer gegen Bücherverbrennungen ist. Und der, welcher es Hegel auf der Bühne mit Recht verübelt, daß dieser sagt, das Volk sei so verweichlicht, nur ein Krieg könne da helfen. Solche Sätze sind zum Wahnsinnigwerden, und Hölderlin hatte recht, wenn er es wurde.