Katastrophenmeldungen kommen aus Berlin: Der täglich chaotischer werdende Verkehrswirrwarr, die täglich schlimmer werdende Verkehrsverstopfung müssen zwangsläufig zur Verkehrskrise führen. Die Polizei gibt offen zu, daß sie des Problems nicht Herr wird. Die einzige Lösung: unterirdische und oberirdische Tunnel- und Brückenstraßen, sonst kommt der Verkehr bald zum völligen Stillstand. Die Gefahrengrenze in Berlin ist erreicht: 70 000 Kraftfahrzeuge. 70 000 Kraftfahrzeuge – in Berlin? Jawohl, im Berlin des Jahres 1926, aus dem diese alarmierende Meldung stammt. Man kann sie in der Berliner Illustrirten Zeitung vom 23. Mai 1926 nachlesen unter der Überschrift "Die Verkehrskrise der Großstädte".

Heute, 45 Jahre später, sind allein in Westberlin 470 000 Kraftfahrzeuge zugelassen, fast siebenmal so viel wie jene Zahl, die den ungenannten Illustriertenautor das Gruseln lehrte. Und der Verkehr in Berlin rollt – entgegen düsteren Prophezeiungen bis zur Stunde jedenfalls, mal langsam und mal schnell, aber er rollt.

Am vorletzten Sonntag sagte unser Pfarrer im Erntedankgottesdienst: "Wir wissen heute nicht, ob unsere Kinder in zehn Jahren noch die Luft haben werden, die sie zum Atmen brauchen." Ich könnte mir denken, daß ein Amtskollege dieses Pfarrers, vielleicht Anno Domini 1641, angesichts der allerorten wütenden Pest, in seiner Erntedankpredigt prophezeit hat: "Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird diese Seuche die Menschheit in zehn Jahren ausgerottet haben."

Es ist kein Wunder geschehen, aber es gibt immer noch Menschen auf dieser Erde, und auch in zehn Jahren werden unsere Kinder noch Luft zum Atmen haben. Denn glücklicherweise wird es auch in Zukunft Menschen geben, die angesichts von Krisen und Gefahren nicht in Hysterie verfallen, sondern etwas tun. Das Heraufbeschwören drohender Gefahren mag die Verantwortlichen und uns selbst aus Lethargie und Gleichmut aufschrecken, mag uns zu den notwendigen Aktionen drängen. Ein Krisentrommelfeuer, das Tatsachen durch blühende Phantasie ersetzt und die Möglichkeiten des technischen Fortschritts leugnet, stumpft ab, führt zur Lethargie zurück. Wir müssen uns deshalb nicht nur etwas gegen die Verschmutzung der Umwelt einfallen lassen, sondern auch etwas gegen die falschen Propheten.

Ferdinand Ranft