Von Ernst Weisenfeld

Paris, im Oktober

Die kommunistische Partei und andere Freunde der DDR in Frankreich haben einen Feldzug unter dem Motto eröffnet: "Jetzt anerkennen!" Frankreich, so heißt ihr Argument, habe keinen Anlaß mehr, der Bundesregierung bei einer Anerkennung der DDR die Initiative zu überlassen; Paris laufe ohnehin schon Gefahr, die Führungsrolle in der europäischen Ostpolitik an Bonn zu verlieren.

Solche Auffassungen kann man bis ins Gaullistische Lager hinein hören. Die Regierung ist nicht bereit, ihnen zu folgen. Aber sie nutzt sie auf ihre Weise und zwar in doppelter Richtung: Sie tut viel, um vor der Schwelle der formalen Anerkennung die praktischen Beziehungen mit der DDR zu verbessern. Und sie klagt anderseits in Bonn, welche Mühe sie habe, weiterhin gegen die öffentliche Meinung einen Kurs der Nicht-Anerkennung zu steuern. Dabei beruft sie sich besonders auf die französische Wirtschaft, die es sich kaum noch leisten kann, die zweitstärkste Wirtschaftsmacht des Ostens zu vernachlässigen. Auch beschweren sich schon lange französische Wirtschaftskreise über die illegale Konkurrenz ostdeutscher Waren im Gemeinsamen Markt, auf den die DDR mit Hilfe und zum Nutzen bundesdeutscher Firmen eindringen könne.

Tatsächlich hat die DDR in Frankreich nicht nur zwei, sondern drei Schrittmacher: Außer der Kommunistischen Partei und den am Osthandel interessierten Kreisen der Wirtschaft sind es bestimmte Gruppen im Gaullistischen und im "europäischen" Lager. In beiden Lagern gibt es Politiker, die alles, was die Teilung Deutschlands fördern kann, als das wichtigste Ziel der französischen Deutschlandpolitik ansehen. Sie sagen das auch immer offener.

Demgegenüber wahrt die Regierung eine gewisse Zurückhaltung. Für sie bleibt die Freundschaft zwischen Bonn und Paris auch weiterhin Richtschnur. Das natürliche Interesse Frankreichs an der Existenz zweier deutscher Staaten wird von der Sorge überdeckt, man könne sich in die Nesseln setzen und einen Verdacht auf sich laden, der die Beziehungen zwischen Bonn und Paris vielleicht einmal schwer belaste.

Darum ist es von geringem Stellenwert, wenn die Kommunistische Partei Frankreichs ein mager besuchtes "Freundschaftstreffen" mit den Genossen Ebert (SED) und Deumlich (DKP) veranstaltet. Ähnliches geschieht nicht nur in Paris. In Landschaften mit starker kommunistischer Wählerschaft gibt es seit Jahren Städte, in denen die "Kulturhäuser" der DDR den bundesdeutschen Goethe-Instituten das Leben schwermachen. Rund 150 Gemeinden sind durch Patenschaften mit der DDR verbunden. Ihre Bürger machen im Sommer Autobusbesuche in der DDR, manchmal werden auch Sonderzüge eingesetzt.