Lenin hielt den Film wahrscheinlich für so wichtig, weil dieses Medium breiteste Bevölkerungsschichten erreicht. Ein erwachsener Mensch wird, auch wenn er Akademiker ist, weit mehr mit Kino und Fernsehen, also mit Film, konfrontiert, als daß er etwa Bücher läse. Lenin hat zwei Dinge erkannt: Film ist Kunst und Film ist wichtig. Hätten wir das ebenfalls erkannt, gäbe es auf dem deutschen Kinomarkt mehr künstlerische Filme, und Filmunterricht stünde auf allen Stundenplänen.

Literaturunterricht ist nützlich und wichtig. Man lernt unterscheiden, wo die Grenze verläuft zwischen Kunst und Kitsch. Warum aber wird der Film ignoriert? Als Durchschnittsbürger, als Durchschnittsbetrachter eines Films ist man dem Regisseur hilflos ausgeliefert: Von "Ohm Krüger", einem der übelsten Filme nationalsozialistischer Prägung, von den vom Wirbel der Propaganda betäubten Bürgern kritiklos akzeptiert, über die Hollywood-Filme, die um 1960 dem Amerikaner ein asiatisches Feindbild aufbauten, bis zu James Bond mit seinem anti-kommunistischen Schwachsinn führt eine gerade Linie.

Warum, so muß man fragen, sind Namen wie Jean Renoir, Sergej Eisenstein, Claude Autant-Lara dem Schüler völlig unbekannt? Warum soll ein Schüler, nicht die Inhalte der Filmkunst, die Möglichkeiten der Manipulation, die Formenwelt der Filmgeschichte kennenlernen, die er doch tagtäglich am wichtigsten aller Medien verwenden könnte: am Fernsehen. Denn wer Filme von Jean-Luc Godard verstehen gelernt hat, dem droht vom Bildschirmfamilienkriminalserienunsinn keine Gefahr mehr. Doch obwohl fast alle wichtigen Filme im 16-Milimeter-Format vorhanden sind, gammeln die Schulprojektoren still vor sich hin, laufen Schüler massenweise in die "Lümmel von der ersten Bank", fünfundzwanzigster Teil. Axel Schumacher, 17 Jahre