Die Oberprima macht ihr Sportabitur, Sommerprüfung. Ab und zu löst sich einer aus der lustlosen, fröstelnden Menge, um seinen Versuch zu absolvieren: Das Sportabitür-findet nicht selten Mitte Oktober statt oder noch später, und dann ist es schonempfindlichkalt.Fernab von den nur widerwillig zur Aktivität zu bewegenden Schülern stehen die Lehrer: Sie langweilen sich, und sie frieren. Während der Prozedur gibt man sich ernst: Schließlich ist es eine Prüfung; Letzten Endes weiß aber jeder, ob Prüfer oder Prüfling, daß diese Zeremonie, nur ein lästiges Abspulen überflüssiger Prüfungsordnungen ist.

Das Sportabitur in seiner jetzigen Form ist eine höchst einseitige Angelegenheit. In welchem anderen Schulfach werden im ganzen Jahr nur zwei Prüfungen verlangt, jahrein, jahraus nach dem gleichen Schema: im Winter Turnen eingedenk der großen deutschen Turnvater-Jahn-Tradition. im Sommer Leichtathletik. In anderen Schulfächern wird man pro Jahr mehrmals geprüft und, was viel wichtiger ist, der Stoff ist jeweils ein anderer, das Thema wechselt von Arbeit zu Arbeit.

Dabei wäre es gerade dem Schulsport möglich, mehrgleisiger zu fahren. Welches andere Schulfach kann eine solche Vielfalt vorweisen? Die verschiedenen Sportarten aufzuzählen, erübrigt sich, doch sei darauf hingewiesen, daß vor allem Ballspiele bei uns beliebter sind als Leichtathletik oder gar Turnen. Doch offenbar sind die Ergebnisse der unter den betroffenen Schülern vorgenommenen Umfragen noch nicht bis in die zuständigen Kultusministerien vorgedrungen, oder man kennt sie, ohne daraus Konsequenzen zu ziehen, was ich für wahrscheinlicher halte.

So bleibt es weiterhin bei der miesen Prozedur, deren angebliche Wichtigkeit durch einige mahnende Worte des Schulleiters unterstrichen wird: Man solle die Prüfung nicht auf die leichte Schulter nehmen, denn schon eine Fünf im Sportabitur könne in bestimmten Fällen (Welchen? Mir sind keine bekannt) entscheidenden Einfluß auf Bestehen oder Nichtbestehen des Abiturs nehmen. Immerhin zeigt schon der Hinweis, nichts auf die leichte Schulter zu nehmen, daß man im Grunde das Verfahren für überflüssig hält. Auf jeden Fall hat der Sportlehrer seinen großen Auftritt: Er kann sein Fach in aller Breite vor den Augen seiner Kollegen demonstrieren. Allerdings können die Zuschauer den dargebotenen Übungen oft nur ein wehmütiges Lächeln abringen. Denn der Prüfling weiß: Bange machen gilt nicht, wegen einer Fünf im Sport fällt er beim Abitur nicht durch. Warum also soll er sich anstrengen? So kann es passieren, daß einer den Verlauf seiner Übung nicht kennt und auf halbem Weg nach bis dahin reichlich verworrenen Vorführungen, bei denen er den Begriff "Kür" wohl zu wörtlich nahm, den Lehrer fragend anschaut: "Wie geht’s weiter?", oder daß ein Oberprimaner sich mit Quintanerübungen abquält.

Es wäre leicht, den Schulsport aus dem Dilemma herauszuführen. Man sollte die vielfältigen Möglichkeiten des Sports ausschöpfen und sich nicht auf Turnen und Leichtathletik beschränken. Die Zensuren im Sport müßten abgeschafft werden, da eine Sportfünf doch keinen Einfluß auf Versetzung oder Bestehen einer Prüfung hat. Statt dessen sollte man vom Schüler fordern, daß er an Sportinteressengemeinschaften teilnimmt, die nachmittags vom Sportlehrer veranstaltet werden. Jeder könnte sich dann "seine" Sportart auswählen, der Zwang fiele wegund damit auch Unlust, Langeweile und Desinteresse.

Mark vom Hofe