Von Rolf Zundel

Bonn, im Oktober

Die Wochenzeitung Publik, so formulierte einer ihrer Mitarbeiter melancholisch, "hat die Wahl zwischen Gift und Guillotine" – zwischen dem langsamen Tod durch Fusion mit dem Rheinischen Merkur und dem schnellen Ende durch Entzug der finanziellen Unterstützung, die dem Blatt bisher durch die katholischen Bischöfe zuteil wurde. In jedem Fall wäre die deutsche Zeitungslandschaft um eines ihrer interessantesten Produkte ärmer.

Die Zeitung, im Herbst 1967 von der deutschen Bischofskonferenz mit dem Auftrag gegründet, den Dialog der Kirche mit der Gesellschaft zu führen und ein Diskussionsforum für die verschiedenen Meinungen im Katholizismus zu bilden, hat sich erstaunlich schnell einen Namen gemacht und Leser gewonnen. Über 90 000 Exemplare von Publik werden jede Woche verkauft. Das Blatt hat es vorzüglich verstanden, aktuelle Themen aufzubereiten, die im Schnittpunkt von Kirche und Gesellschaft entstehen. Bekannte katholische Theologen, keineswegs nur progressive, erhalten das Wort. In der Gesellschaftspolitik ist das Blatt auf dem linken Flügel der CDU angesiedelt und vertritt eine Linie, wie sie von den Sozialausschüssen verfochten wird. Die Außenpolitik der sozialliberalen Koalition verfolgt Publik im Prinzip mit Sympathie, ist aber stets zu scharfem Tadel der Methoden bereit. Wiewohl der Union nahestehend, gehören die Redakteure von Publik nicht zu den blinden Parteigängern.

Publik hat die Forderungen der Bischöfe erfüllt, eine Erwartung aber enttäuscht: Das Blatt ist nicht rentabel. Die Starthilfe der Bischöfe von 15 Millionen Mark, ursprünglich für fünf Jahre berechnet, war schon Ende 1969 aufgebraucht. Nur elf Diözesen waren bereit, das Experiment weiter zu finanzieren; sie brachten noch einmal 13 Millionen auf. Und auch dieses Geld geht bald zu Ende. Obwohl sich Publik eine kräftige Steigerung der Einnahmen durch Anzeigen verspricht, müßten die Bischöfe noch einmal tief in die Taschen greifen.

In dieser Situation brüteten die publizistischen Berater der Bischöfe ein Kolumbus-Ei aus: die Idee einer Fusion mit dem Rheinischen Merkur (Auflage 55 000, stagnierend). Diese Wochenzeitung, ein Kampfblatt der Konservativen, dessen Stärke im Glauben an die Unfehlbarkeit der eigenen Meinung und deren polemisch-agitatorischer Verbreitung liegt, hatte in Publik zu Anfang eine unlautere Konkurrenz erblickt. Herausgeber Roegele hatte stolz die Freiheit seines Blattes gerühmt, "weil hinter der Redaktion keine grauen Eminenzen oder Gremien stehen, die Meinung dirigieren oder korrigieren – durch Geld oder durch andere Mittel". Inzwischen scheint das Geld der Bischöfe für den Rheinischen Merkur nicht mehr so suspekt zu sein. Er erhält es freilich in viel kleineren Portionen als Publik.

Zunächst waren die Fusionssondierungen hinter dem Rücken der Publik-Redaktion geführt worden. Als das Fusionsangebot vorlag, sah es auf den ersten Blick anständig aus: zwei Herausgeber, zwei Chefredakteure, zwei Bonner Korrespondenten, Übernahme der ganzen Redaktion; die fusionierte Zeitung sollte beide Titel weiterführen. Was bei dieser "Kreuzung von Dampfschiff und Düsenjet" (Publik-Korrespondent Eduard Neumaier) herauskommen würde, ist schwer abzuschätzen. Etwas Gutes kaum; wahrscheinlich statt zwei Zeitungen mit Charakter ein katholischer Generalanzeiger.