Von M. Y. Cho

In den fünfziger Jahren entstand in den Beziehungen zwischen China und Japan ein Unikum: die Diplomatie von "Volk" zu "Volk", kurz "Volksdiplomatie". Dieser Begriff umschreibt verschiedenartige inoffizielle Kontakte auf angeblich apolitischen Gebieten wie Sport, Handel, Kultur. Sie ersetzen nicht nur die fehlenden Beziehungen zwischen den Regierungen, sondern sollen vielmehr die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vorbereiten. Es ist eine Politik des Unpolitischen: Je weniger politisch die Verbindungen nach außen hin erscheinen, desto effektvoller ist die Volksdiplomatie.

Die Ausführenden sind weder Kommunisten noch Kapitalisten, sondern einfach "Privatleute". Das im allgemeinen positive Chinabild des japanischen "Volkes" ist entscheidend jenen ideologiefreien, jedoch sehr günstig klingenden Reise- und Augenzeugenberichten zu. verdanken, die japanische Schriftsteller, Wissenschaftler und Touristen nach ihrer Rückkehr aus der Volksrepublik in Wort und Schrift ihren Landsleuten übermittelt haben.

Da es zwischen Bonn und Peking ebenfalls keine offiziellen Beziehungen gibt, gewinnen auch die Berichte und Aussagen deutscher China-Reisender an Bedeutung im Sinne der "Volksdiplomatie". Als Musterfall, kann ein Buch bezeichnet werden, das sich sogleich nach seinem Erscheinen einen ersten Platz auf der Bestsellerliste erobert hat:

Klaus Mehnert: "China nach dem Sturm – Bericht und Kommentar nach einer Reise"; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1971; 350 S., 25,– DM.

Der Autor bringt alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Volksdiplomatie mit: Mehnert ist kein Kommunist und einer der beliebtesten Publizisten hierzulande. Ich kann es mir erübrigen, den Inhalt dieses Bestsellers ausführlich wiederzugeben. Dringend angebracht erscheint mir jedoch eine selektive Bewertung. Dabei empfiehlt es sich, als Parallel-Lektüre eine kleine Schrift Mehnerts hinzuzuziehen, die kurz vor seinem China-Besuch im Frühjahr dieses Jahres erschienen war: "Der Maoismus – Etwas Neues unter der Sonne?" (Mainz 1970)

Im Gegensatz zu dem stark beachteten China-Bericht des schwedischen Marxisten Jan Myrdal, "China: Die Revolution geht weiter", in dem der Autor viele Aussagen der Dorfbewohner Liu Lings auf Papageienmanier wiedergibt, vermag Mehnert dank seines bürgerlichen guten Willens Dinge nicht nur zu sehen und zu hören, sondern mit kritischem Einfühlungsvermögen zu erfassen. Mit journalistischem Scharfsinn stellt er die zur wissenschaftlichen Analyse erforderlichen Fragen; anschauliche Schilderungen und Kommentare halten sich die Waage.