Eigentlich war die Masche ja längst schon wieder durch. Multimedia-Spektakel, die moderne Form des Gesamtkunstwerks, die Integration von Wort und Ton und Bild, von Geste und Bewegung und Raum und Vorstellung und Absurdität, dieses Konglomerat aus Kunst und Antikunst – dieses sich revolutionär gebende verschleierte Halbkönnen hat sich schon oft genug selber dekuvriert, als daß noch bemerkenswerte Impulse von ihm ausgehen könnten.

Aber dann kommt doch wieder ein Team, das, wenn nicht Innovationen, auf die wir ja letzten Endes doch nur lauern, so doch eine Menge Phantasie mitbringt, um wenigstens über den größten Teil seines Hundertminutenprogramms Zustände und Aktionen zu zeigen, die anzusehen und anzuhören sich lohnt, die Vergnügen bereiten und trotzdem nachdenklich machen (oder umgekehrt).

„Hysteria – Paradies, schwarz“ – der Titel der Multimedia-Oper von Dieter Wellershoff, Dieter Schönbach und Edmund Kieselbach (auch Klaus Göhling, Klaus Geldmacher, Mette Ohlsen, Günter Weseler und der inzwischen verstorbene Peter Brüning steuerten „Objekte“ hinzu) ist kryptischer, als notwendig wäre. „Er stelle sich“, sagt Dieter Wellershoff, „das Theater als das Innere eines Kopfes vor. Wir sind in dem Kopf und erleben, wie aus den Signalen des Nervennetzes multimediale Bilder entstehen.“ Was für Bilder?

Schemen, Schattenspiele auf dem transparenten Vorhang, von Menschen, die auf den Stahlstümpfen der industrialisierten Welt sitzen und auf Kommandos „funktionieren“, als Soldaten, die grüßen, als Hermes, als Mutter, als zylindertragende Autoritäten, dazu eine Lichtorgel mit faszinierenden optischen Effekten. Eine Prozession, deren Liturgen aus Latten gebastelte, nein, nicht Kreuze, sondern Sterne, oder was man dafür halten könnte, tragen, dazu singt ein „Domchor“ aus der Höhe des Bühnenturms auf alt gemachte neue Töne. Eine Braut, die unter Glockenklang in eine Schaukel gekettet wird, der man bis auf einen Keuschheitsgürtel alle Kleider vom Leib reißt, die sich auf einen riesengroßen aufblasbaren (und ebenso, post festum, ablaßbaren) Plastik-Phallus räkelt und dann schließlich geraubt wird. Zwei Hochdramatische, den Damen Ford und Quickly aus Verdis „Falstaff“ nicht unähnlich, nur in Melodien aus spätem Zwölfton, begeben sich unter Judokas, dazu gibt es sechs leicht porno-verdächtige Filmchen zu sehen. Arbeiter schieben Türme aus Stahlrohrkuben choreographisch über die Bühne und besetzen sie, Arbeit ist Kunst, und Kunst ist Arbeit, die Werktätigen jedoch müssen vor panzerartig heranrollenden Kabeltrommeln flüchten, dazu erklingt der Anfang von Brahms’ erster Sinfonie. Dreihundert Autoschläuche, zu Flächen nebeneinandergeordnet, die gegeneinander verschoben werden können, Kinetik, gebastelt aus den Statussymbolen unserer Wohlstandsgesellschaft, dazu die Massen unserer die Individualität suchenden, aber im Kampf um die Statussymbole umkommenden menschlichen Kreaturen. Die Bilder quellen unaufhörlich, erschreckend und heiter, grotesk und banal, absurd und mit Hintersinn. Die Aufführung ist präzis (Szenographie: Hans Neugebauer).

„Hysteria“ – das meint Angst, Angst vor der Isolation in einer inhumanen Welt, Angst vor dem Nicht-bestehen-können, Angst vor dem Scheitern-können, Angst vor dem Existierenmüssen. Angst vor einem Paradies, das letztlich schwarz ist. „Wo seid ihr denn? Wo seid ihr hingegangen?“

Aber das dann doch wieder ganz eindeutig ist, durchsichtig, durchschaubar. Denn die Denkanstöße, die Wellershoff geben will, sind nicht allzu kompakt. Draußen vor dem Theater, wo der Zuschauer sich – wie schon beim Eintritt – durch einen Verkehrskindergarten hindurchfinden muß, vorbei an Bündeln von verknoteten Schuhen, Sandsäcken oder Lumpen, beschallt mit existentialistischen Lyrismen und Beinahe-Beschimpfungen („Sie sind ein Theaterbesucher“), hat man vieles längst wieder vergessen.

War es nur ein gewiß vergnügliches Spektakel, nur ein vorübergehendes Amüsement, nur ein momentanes Interessiertsein? „Die Straße, über die ihr geht“, heißt es im Lautsprecher, „ist die Straße in eurem Kopf.“ Aber wer die Verkehrszeichen einigermaßen beherrscht, draußen, kommt ganz bequem zurecht. Drinnen auch?

Zu Anfang war ein Mann in der Tür des Eisernen Vorhangs erschienen, angestrahlt von einem gleißenden Lichtkegel. Er hatte ins Publikum geschaut und festgestellt: „Es sind dieselben oder auch nicht.“ Am Ende jedenfalls waren es noch dieselben.

Heinz Josef Herbort