Von Rudolf Hartung

Immer schon hat es den französischen Schriftsteiler Alain Robbe-Grillet ausgezeichnet, daß er seinen Romanen schnell und gewandt eine Theorie zurechtschneidern konnte – vor Jahren die ziemlich dogmatisch vorgetragene Theorie vom nouveau roman die heute kaum jemanden mehr interessiert, es sei denn Studenten und Professoren, die hier einen Gegenstand für Dissertationen und Untersuchungen finden. Dabei hätten zumindest die beiden frühen Romane "Der Augenzeuge" und "Die Jalousie oder die Eifersucht" auch ohne die Hilfestellung einer Theorie gut ihr Auskommen finden können: die Reduktion der Welt auf das Sicht- und Meßbare und die dadurch bewirkte Reinigung der Welt von allen anthropomorphen Qualitäten ergaben in der Tat eine interessante Methode des Erzählens.

Heute, rückblickend vom Fiasko der beiden letzten Romane, möchte es scheinen, als hätte damals die Kritik die Verzichte, die Robbe-Grillet in Kauf nahm, ja, denen er geradezu sein neues Erzählen verdankte, zu hoch honoriert. Der Irrtum war allerdings begreiflich: das Ausgesparte in diesen: Romanen, ihre Leerstellen wirkten auf Leser und Kritiker ungeheuer anregend, die Reduktion und die (menschliche) Verarmung waren als Zeichen von Kraft und Strenge zu deuten, der Formalismus der frühen Werke störte nicht – oder nur jene, die vom Roman immer soziales und politisches Engagement fordern.

Wahrscheinlich störte dieser Formalismus darum nicht, weil er in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit errungen wurde: die chaotischen Daten der konkreten sinnlichen Erfahrung mußten in einem künstlerischen Prozeß gefiltert, der Widerstand der Wirklichkeit – oder des Bewußtseins – mußte gebrochen werden. Vielleicht dürfte man grundsätzlich behaupten, daß künstlerische Resultate relevant nur sind, wenn sie gegen Widerstände durchgesetzt werden mußten ...

Aber schon im vorletzten Roman "Die blaue Villa in Hongkong" war davon kaum mehr etwas zu spüren. Die hier in vexatorischer Manier abgespulten Begebenheiten waren eine Bildfolge, die im wesentlichen auf Klischees vom Fernen Osten und auf der Kenntnis von Trivialromanen beruhte. Robbe-Grillet hatte begonnen, mit vorfabriziertem Material zu arbeiten und daraus das Puzzlespiel eines Romans zu machen. Nicht anders in dem jüngsten Buch –

Alain Robbe-Grillet: "Projekt für eine Revolution in New York", Roman, aus dem Französischen von Rolf und Hedda Soellner; Carl Hanser Verlag, München; 232 S., 19,80 DM.

Auch diesmal bescherte der Autor in einem Aufsatz dem Leser eine Theorie, die das erzählerische Unternehmen rechtfertigen soll. "Wenn ich die Nachrichten über Skandale und Verbrechen lese, wenn ich die Schaufenster und Plakate betrachte, aus denen sich die Fassade jeder Großstadt zusammensetzt, wenn ich durch die Gänge der Metro wandere, werde ich von einer Unmenge von Zeichen angefallen, deren Gesamtheit die Mythologie der Welt ist, in der ich lebe ..."