Von Marietta Riederer

Die 24. Mode-Woche München lief zur Freude vieler Teilnehmer zwei Tage parallel mit dem bierseligen Oktoberfest, um dann auf Sekt und Kaffee umzusteigen. Dauerföhn, Oktobersonne und das gigantische Angebot der Frühjahrs- und Sommermode 72 machten durstig.

Mit der Rechenscheibe (ein Präsent der Messeleitung) konnten die Einkäufer schon während der Modeschauen Auf- und Abschlag der Handelsspannen bestimmen. Als erstmaliger Service wurden Temperatur- und Wetter-Tendenzen von November 71 bis September 72 des Münchner Astrologen Wolfgang Döbereiner ausgegeben, damit sich die Lagerhaltung im Hinblick auf zukünftigen Hochdruckeinfluß oder stürmisch verlaufende Störungen rechtzeitig regulieren läßt.

Auf der Modewoche waren 20 Nationen mit 1465 Ausstellern vertreten. Kontaktfreudiger denn je zeigten sich die Franzosen. Sie kamen mit 112 Firmen. Ted Papidus, Paris, wählte als Lizenznehmer für Deutschland die Münchner Firma Queisser-Modelle. Er stellte seine eigene Kollektion neben jener im Hause Queisser gefertigten persönlich vor und plädierte für eine europäische Mode. Jean Patou präsentierte auf Einladung der Zeitschrift Madame seine Kollektion im Hotel Bayerischer Hof, und Marc Bohan aus dem Hause Dior versammelte im Hollyday-Inn-Hotel die Presse zum mitternächtlichen Champagner-Cocktail um sich. Als Überraschung wurden einige New-Look-Modelle "aus der Zeit" (1947) neben Hits aus der neuen Kollektion gezeigt. Gemeinsamer Nenner, trotz starker Kontraste: Eleganz, die Schule gemacht hat.

Das Motto der Mode für 72: Zurück zur Klassik, mit anderen Worten: ein breites Angebot für die Frau von 25 aufwärts. Von 25 abwärts bis 13 spielt sich die junge Mode ab; sie ist launischer, eine "Purzelbaum-Mode", sie wirkt ansteckend, gleichsam als Vitaminspritze für die gesamte Mode. Deutlicher, als je zuvor fährt man jetzt zweigleisig. Hier – eine "sehr junge Mode", dort – eine "jugendliche Mode".

Im Programm der jugendlichen Mode reichen die Röcke bis zum Knie oder bedecken es. Clubstil gilt als Wegweiser. So stehen Blazer zu Hosen, Röcken und Kleidern in der ersten Reihe. Die Einzeljacke, als Paletot, als locker gebundene Jacke, als Piloten- oder Liftboy-Jäckchen, wurde zum Renner. Großes Comeback feiert das Kostüm. Es stellt sich sportlich, in bunten Farben oder korrekt im Navy- oder Kreidestreifen-Look vor.

Die Jackenlängen sind verschieden. Man hat sich hier sehr genau das Richtige für Große und Kleine, für und Konventionelle ausgedacht. Blusen gehören dazu mit "Krawatten", "Fliegen" oder "Eaton-Schleifen" an großen Kragen. Sie komplettieren – oft sogar mit Weste – auch Hosenkostüme, deren Hosen gerade, also weiter fallen, als bisher. Ein "smarter Dandy" kommt da auf uns zu.