Von Sepp Binder

Verlegen drehte der Hauptgefreite seine Schiffchenmütze in den Händen. In dem Standardstuhl mit verblichenem grünem Bezug und den abgewetzten Holzlehnen sah der etwa vierzigjährige „Zwölfender“ etwas bemitleidenswert aus. Das Ende seiner Dutzend Dienstjahre bei der Bundeswehr war zu plötzlich vor ihm aufgetaucht. Mit dem Schritt ins zivile Leben wollte er auch im Privaten einen neuen Anfang setzen: Er hatte zum zweitenmal geheiratet, seine Frau brachte zwei Kinder mit in die Ehe: „Denen wollte ich halt etwas bieten.“

Doch dabei hatte sich der Hauptgefreite übernommen. Scheidungskosten, neue Möbel, neue Wohnung – die Kosten waren dem Soldaten über den Kopf gewachsen: Mit 20 000 Mark Schulden, mit den Forderungen des Möbelhändlers im Nacken war der Start ins neue Leben nicht eben verheißungsvoll. „Ich dachte an die Übergangsbeihilfe und die Übergangsgebührnisse.“ Aber die einmalige Beihilfe kassierten Gericht und Scheidungsanwalt, und die Gebührnisse zahlt der Staat nur in Monatsraten an die ehemaligen Zeitsoldaten. „Können. Sie mir helfen?“

Der Angesprochene will es versuchen. Er stellte Fragen und machte sich Notizen. Im Verteidigungsministerium wird. er, sich für den Soldaten ebenso einsetzen wie beim Möbelhändler. Der Hauptgefreite war zufrieden, grüßte und ging.

Später sagte Alfons Pawelczyk, Oberstleutnant der Reserve: „Sorgen wie diese höre ich mir beinahe täglich an. Wo ich sie erträglich machen oder gar ausräumen kann, da packe ich zu. Ich orientiere mich sehr stark an der Basis.“

Alfons Pawelczyk ist kein Mann vieler Worte und Gesten. Im Gespräch wirkt er nüchtern und unpathetisch. Politische Leidenschaft ist bei ihm gut in Sachverstand verpackt. Daß er vor zwei Jahren den grauen Uniformrock vorübergehend an den Nagel hängte und über die Hamburger SPD-Landesliste in den Bundestag einzog, überraschte damals nur Uneingeweihte. Helmut Schmidt, ziviler Befehlshaber auf der Bonner Hardthöhe, war auf den jungen Major in der Wandsbeker Heeresoffiziersschule II schon früh aufmerksam geworden.

Schlagzeilen machte Alfons Pawelczyk zum erstenmal vor den Bundestagswahlen 1969. Damals zog er seine Ausgehuniform an, rückte die Schirmmütze zurecht und warb in großen Zeitungsanzeigen: „Sicherheit und dauerhaften Frieden kann mir nur die SPD garantieren.“ Mit dieser Einzelkämpferaktion löste der Genosse in Uniform einen politischen Präventivschlag der Bonner Hardthöhe aus: Wahl Werbung in Uniform, so ließ das Verteidigungsministerium verlauten, sei untersagt. Im Erlaß „Soldat und Wahl“ von 1961 jedoch war eine Anzeigenwerbung für eine demokratische Partei nicht verboten.