Jetzt, nach zweijähriger parlamentarischer Halbzeit, zog Alfons Pawelczyk eine kritische Zwischenbilanz. Als Kommandeur des Panzergrenadierbataillons 172 und als stellvertretender Kommandeur der Panzerbrigade 17 kehrte er für vier Wochen zur Truppe zurück. Er diskutierte mit Wehrpflichtigen und Offizieren, er stellte sich Abiturienten und Unteroffizieren, er besuchte die Brigadeeinheiten in Bad Segeberg und Lübeck.

In der Lübecker Travekaserne begrüßte ihn Hauptmann Hardege von der Panzerpionierkompanie 170: "Die Personalsituation bei den Unteroffizieren ist schlecht." Von 23 Planstellen sind acht nicht besetzt. Bis Dezember scheiden drei weitere Unteroffiziere aus. Seit Juli jedoch hat Hauptmann Hardege 105 Wehrpflichtige in der Kompanie. Mit seinen wenigen Gruppenführern soll er die Soldaten zu guten Pionieren ausbilden. Nachschub für das Unteroffizierskorps bleibt aus. Der Rest, kaum älter als die jungen Rekruten in den Gruppen, ist sauer: "Wir können uns kaum durchsetzen. Die Disziplin wird von oben abgebaut." Den Beweis dafür blieben die Unteroffiziere schuldig. Sie formulierten nur ihr Unbehagen. Disziplin, das ist für sie vor allem Haarschnitt und Gehorsam. Vor der Kaserne traten die Pioniere gerade zur Sportstunde an. Mit ihren Haarnetzen boten sie keinen ästhetischen, schon gar keinen "soldatischen" Anblick. Drinnen im Unteroffiziersheim diskutierte der Politiker in Uniform mit den Unteroffizieren: "Das ererbte Kriterium, das die Gesellschaft bei der äußeren Beurteilung der Bundeswehr anlegt, ist falsch: kurze Haare – guter Soldat, lange Haare – Scheißsoldat. Dieses stramme Soldatenbild hat die Geschichte widerlegt. Heute, in einer modernen Armee, kann nur noch der bewegliche Einzelkämpfer, der Rücken und Finger krümmen kann, seinen Auftrag auf dem Gefechtsfeld erfüllen. Deshalb müssen wir versuchen, das Soldatenbild in der Gesellschaft zu verändern, nicht aber den Soldaten nach alten Militärmustern zu schneidern."

Vom fehlenden Arbeitsanzug bis zur notwendigen Stellenanhebung für den Unteroffizier, der für Millionenwerte verantwortlich ist, von Führungsgrundsätzen bis zur Wehrgerechtigkeit erstreckte sich die Spannbreite der Themen, mit denen der "Reservist" während seiner vierwöchigen Übung konfrontiert wurde. Am Ende zog Alfons Pawelczyk Bilanz aus seiner Truppenpraxis. Die Quersumme: "Der Einsatzwert der Bundeswehr ist weitaus höher, als viele Vorgesetzte in den Kompanien und Bataillonen ihn vermuten. Sie plagen sich noch immer zu sehr mit formalen Dingen herum. Da können dann Mißerfolgserlebnisse nicht ausbleiben." Es ist nicht die Frage, so resümiert Pawelczyk, ob die Grundstellung heute schlechter beherrscht wird als früher, sondern ob der MG-Schütze 1971 besser schießen kann als 1961.

Disziplin müsse nach Kriterien definiert werden, wie die soldatischen Funktionen auf dem Gefechtsfeld optimal beherrscht werden können. Mißmut und Müdigkeit im Dienst seien unnötig. "Noch aber haben wir eine Situation in der Bundeswehr, in der immer noch zu sehr die Schwierigkeiten beklagt, die notwendigen Veränderungen jedoch zuwenig diskutiert und in Vorschläge umgearbeitet und weitergeleitet werden." Insgesamt aber, so meint der junge Abgeordnete, sei die Unzufriedenheit in der Bundeswehr innerhalb eines Jahres sehr stark zurückgegangen.

War er vor zwei Jahren mit anderen Vorstellungen nach Bonn gegangen?

"O ja", meint er. "Ich hatte gehofft, daß ich mich noch mehr mit Fragen der Sicherheitspolitik beschäftigen könnte, als es tatsächlich möglich war. Andere politische Sorgen aber rückten stärker in den Mittelpunkt meiner Arbeit." Er nennt vor allem die Mithilfe bei der Verwirklichung der Reformvorstellungen für die Bundeswehr, wie sie im Weißbuch 1970 dargelegt sind. Sie reichen vom Kantinenwesen bis hin zur Besoldungsordnung: "Hier stimmte manches nicht."

In Bonn war Pawelczyk kein Senkrechtstarter. Kein Strohfeuer, das später statt Funken nur noch Asche hinterläßt. Säbelrasseln liegt ihm nicht. Seine sachliche, nie aufgeregte Art hat ihm in der Fraktion und in der Partei bereits Ansehen verschafft. Nach den Hamburger Bürgerschaftswahlen im März 1970 übertrugen ihm die SPD-Delegierten in Hamburg-Wandsbek den Wahlkreis 17. Mit 350 000 Einwohnern ist Wandsbek zusammen mit den Hamburger Walddörfern der größte Wahlkreis im Bundesgebiet. Die Parteifreunde unterstützten ihn spontan bei seiner politischen Arbeit in Hamburg: Bei Diskussionen auf dem Volksdorfer Wochenmarkt und vor dem Wandsbeker U-Bahnhof, bei Gesprächen in Bergstedt wie in Sasel. "Aber bei einem derart großen Wahlgebiet", so meint der ehemalige Bundeswehrtaktiker, "zeigt sich das Dilemma des Parlamentariers." Die unendlich vielen Aufgaben gegenüber der Bevölkerung und die Kontrollfunktion gegenüber der Exekutive sind ohne ein technisch gut organisiertes Wahlkreisbüro nicht zu erfüllen. Erst dann, so meint er, könnten die Bürger noch stärker von ihrem Recht auf Anregung, auf kritische Befragung und Beurteilung ihres Abgeordneten Gebrauch machen.

Mit diesem Wunsch kehrte Alfons Pawelczyk von der Böhn-Kaserne in Hamburg-Rahlstedt in das Bonner Abgeordnetenhaus zurück. Fühlt er sich dort mehr als Soldat oder mehr als Zivilist? "Ich war gern Soldat, und ich halte auch gern Kontakt mit ihnen. Aber ob mit oder ohne Uniform – ich bin Politiker. Und Politik liegt bei mir zwischen nüchterner Leidenschaft und kritischem Denken. Das aber können beide ganz gut gebrauchen."