Alles, was mir Franz Stangl. während der ersten vier Unterhaltungen in dem vergitterten Zimmer des Düsseldorfer Gefängnisses erzählt hatte, war seine Vorgeschichte gewesen – die Geschichte vor dem Augenblick, da er in den Osten abkommandiert wurde; zu einer der größten Massenmordaktionen der Geschichte. Wenn er während seiner Erzählungen über seine Kindheit und Jugend schon oft weinen mußte, dann war ich sicher, daß ihn seine Erinnerungen an seine Arbeit in den Vernichtungslagern noch mehr niederdrücken würden.

Doch als er durch den langen Korridor auf mich zukam, bemerkte ich sogleich eine Veränderung in seiner Haltung: War er bisher bei seiner Begrüßung eifrig und scheu zugleich gewesen, so wirkte er diesmal merkwürdig gelassen. Als er sich lächelnd verbeugte, wirkte das wie übertriebene Bonhomie. Und als er, ohne gefragt zu werden, sofort dort begann, wo er am Abend zuvor seinen Bericht unterbrochen hatte, schien er zuversichtlich, energisch und gut vorbereitet zu sein – wie ein kühler, aufmerksamer Beobachter, der imstande ist, grauenhafte und makabre Vorgänge mit innerer Anteilnahme, aber auch wiederum objektiv und ohne zu stocken zu schildern.

"Also, wie schon gesagt", begann Stangl, "ich bekam auf dieser Reise nach Polen die Verantwortung für zwanzig Leute von der Euthanasie-Stiftung’."

"Und keiner wußte, was ihn erwartete?" "Später hab’ ich gehört, daß drei oder vier etwas wußten. Aber sie haben kein Wort gesagt. Wie befohlen, hab’ ich mich nach der Ankunft in Lublin gleich im SS-Hauptquartier gemeldet. Es war alles sehr merkwürdig: Das Hauptquartier war in der Julius-Schreck-Kaserne, ein schönes Gebäude in einem großen Park. Als ich der Wache vor dem Tor meinen Namen gab, wurde ich gleich durch das Gebäude in den Park geführt. Der mich da geführt hat, hat gesagt, ich soll nur weitergehen, der Brigadeführer würde mich dort treffen. Es war ein wunderschöner, warmer Frühlingstag. Das Gras war sehr grün, die Bäume blühten und überall waren Frühlingsblumen. Globocnik (der Leiter der "Endlösungs"-Aktion in Polen) saß allein auf einer Bank mit einer wunderbaren Aussicht über die Wiesen. Er hat mich sehr warm begrüßt: ‚Ja, setzen Sie sich doch‘, sagte er und klopfte auf die Bank neben sich. Jetzt erzählen Sie mir einmal alles über sich selbst.’ Er wollte alles über meine Schulung, meine Karriere und meine Familie wissen. Ich war mir klar, daß dies eine Art Test war, um festzustellen, ob ich wirklich für meinen neuen Auftrag geeignet war. Als ich fertig war, sagte er, daß ich sicher wüßte, daß die Armee gerade einen großen Rückschlag im Osten erlitten hatte. Die SS müßte jetzt helfen: Es sei entschieden worden, sagte er, in Polen eine Reihe von Nachschublagern aufzustellen, von wo aus die Truppen leichter unterstützt werden konnten – mit Ausrüstung und Versorgung und so weiter. Er habe die Absicht, mir den Aufbau so eines Lagers – es hieß Sobibor – anzuvertrauen. Er rief einen Adjutanten und befahl ihm, die Pläne zu bringen. Sie zeigten einen Entwurf für ein Lager: Baracken, Gleise, Gitter, Tore. Globocnik fuhr fort: ‚Es ist schon angefangen worden, aber wir haben dort Polen-Arbeiter. Das geht alles so langsam, ich glaub‘, die schlafen. Was ich dort brauch’, ist jemand, der das anständig in Schwung bringen kann, und ich glaube, Sie sind der Mann dafür.’ Dann sagte er, ich sollte am nächsten Tag nach Sobibor fahren – und das war alles."

"Hat er je angedeutet, was der wirkliche Zweck von Sobibor war? Hat er die Juden erwähnt?"

"Nicht mit einem Wort. Ich hatte nicht die geringste Ahnung. Drei Tage später dann fuhr ich mit sechs Mann nach Sobibor."

"Und wie hat das Lager ausgesehen?"