Immer reifer und moderner

Von Robert Neumann

Daß ein Schriftsteller von Erich Segals Begabung und Energie nicht lange auf seinen "Love-Story"-Lorbeeren ausruhen würde, war anzunehmen. Daß er schon wieder am Werke sei, wußte man ja in eingeweihten Kreisen seit länger als einem Jahr. Trotzdem wirkt die Anzeige gleich zweier neuer Bücher (Erich Segal: "My Heart’s Your Property" und "Old Ladies Never Teil") als eine Sensation und zugleich befremdlich: so wenig entspricht es bisher verlegerischer Übung, zwei Titel eines so enorm erfolgreichen Schriftstellers gleichzeitig auf den Markt zu werfen – und das, während der "Love-Story"-Rummel zwar nachgelassen hat, aber noch längst nicht voll ausgewertet ist.

Man würde an einen Publicity-Trick glauben, lägen Vorausexemplare der für das Ende dieses Jahres angekündigten Werke nicht schon vor. Das Verlagswesen scheint auch drüben, ganz wie in der BRD, derzeit nicht von panikartigen Entschlüssen frei zu sein. Will man ernten, solange die Sonne scheint? Dem Außenstehenden erscheint das im Falle Segal reichlich unnötig zu sein: Sein Erfolg ist auf Jahre hinaus beneidenswert solide verankert – und auch die Vermutung, es könnte sich wenigstens beim erstgenannten der beiden Werke um ein unpubliziertes Manuskript aus der Schreibtischlade handeln, hält genauerer Prüfung nicht stand. Im Gegenteil; in beiden Büchern ist ein beträchtlicher Fortschritt gegenüber der ein wenig allzu gradlinig angelegten "Love Story" nachzuweisen – und die Entwicklung vom ersten der beiden Titel zum zweiten ist geradezu eklatant.

Dabei kommen • die "Love-Story"-Helden, Jenny und Oliver, in beiden Neuerscheinungen wieder, wenn auch natürlich anders benannt und mit einer leichten Verschiebung des Familienhintergrundes. Genauer: Für "ihn" bleibt er in beiden Fällen im breiteren Bereich der "Mayflower Aristocracy" angesiedelt – mit dem traditionellen Reichtum und den dazugehörigen politischen und sozialen Beziehungen. In "My Heart’s Your Property" ist die Oliver-Gestalt, Gunter C. Valberg, der Erbe ausgedehnten, sehr wertvollen Grundbesitzes. In "Old Ladies Never Tell" ist er ein aus reicher (und, nebenbei, frommer) Familie stammender berühmter Chirurg und University-Professor. Die autobiographische Komponente (auch Segal ist ja University-Dozent) liegt hier klar zutage.

Bleibt der "Love Story"-Autor sich aber bis auf diese leichten Verfremdungen in der Zeichnung seines Helden treu, so hat er mit der weiblichen Gegenspielerin, Jenny, auf eine psychologisch hochinteressante Weise experimentiert. Zwar bleibt es auch in den neuen Werken bei dem bekannten sozialen Gefälle (sie arm, er reich, oder doch sie "under-privileged", er "ein ganzer Mann"), aber die Unterschiede sind doch fundamental. Es scheint, daß Segal dem erschütternden "Love-Story"-Ende aus zunächst unerfindlichen Gründen nicht mehr getraut hat – mag auch sein, er wollte sich einfach nicht wiederholen. So oder so – in "My Heart’s Your Property" stirbt Jenny (hier Rita) nicht. Sie versucht zwar, Selbstmord zu begehen, wird aber von Oliver Valberg im letzten Augenblick vor dem Ertrinken gerettet und kommt nach schwerer Krankheit mit dem Leben davon. Und auch Fay, die Jenny-Entsprechung in "Old Ladies Never Tell"‚ gerät zwar in schwere Lebensgefahr (nächtliche Dachfirstwanderung in schwerem Wirbelsturm), doch wird sie von dem Professor nach Bezwingung sehr dramatischer Intrigen gerettet, und das Buch schließt sogar mit einem klaren Hinweis auf idyllisches Familienleben – sehr im Gegensatz zu der aus "Love Story" übernommenen technischen Feinheit, zwei einander schon Liebende nicht etwa romantisch, sondern in hoher Herbheit, ja Rüdheit gegeneinander anreden zu lassen.

Eine genaue Untersuchung der Unterschiede zwischen einem Segal-Roman und einem Werk etwa der Françoise Sagan müßte gerade diese originelle, an Andy Warhols Filmtechnik erinnernde Segaische Methode des systematischen Kontrastes zwischen Wort und Aktion ins Licht setzen. Sagen Liebende bei ihrem ersten Kuß in einem Roman der Sagan noch "oh du", "nimm mich" oder ähnliches in diesem Sinne, so sagen sie einander bei Segal in analoger Situation geradezu eine amerikanische Angleichung an das exakte Gegenteil. Gerade hier liegt das von Segal erschlossene literarische Neuland.

Und da nun einmal schon von Warhol die Rede war: Hier zeigt sich auch der schon früher erwähnte fundamentale Fortschritt Segals von "My Heart’s Your Property" zu "Old Ladies Never Teil". Ob der Autor sein sozialistisches Anliegen in "Love Story" und "My Heart’s Your Property" noch nicht entdeckt, ob er es aus uns unbekannten Gründen bisher verschwiegen hat – in "Old Ladies Never Tell" liegt es platt auf dem Tisch, einschließlich eines sehr eindringlichen, ja leidenschaftlichen Appells zur Gleichberechtigung der Frau. Gedankliche Einflüsse Betty Friedans, aber auch der Solanas sind hier mühelos nachweisbar.

Immer reifer und moderner

Im ganzen: Auch diese beiden neuen Segals können ihres Erfolges gewiß sein. Sie sind nicht nur künstlerisch reifer und origineller, sondern auch im besten Sinne "moderner" als "Love Story".

Um so unverständlicher, daß Segals bisheriger deutscher Verlag, Hoffmann und Campe, sich diese neuen Titel entgehen ließ. Sie erscheinen bei Kindler, der damit seine Sex-Firma Lichtenberg zu hochliterarisch-dezentem Leben umfunktioniert.

Es hat zweifellos mit dem, wie es heißt, Zwischen den Verlagshäusern.schwebenden Prozeß zu tun, daß der "Love-Story"-Autor sich im Vergleichswege verpflichtet hat, die beiden Bücher bis zur Austragung des Rechtstreites nicht unter seinem Namen, sondern Pseudonym erscheinen zu lassen. Für "My Heart’s Your Property – deutsch: "Dein ist mein Herz" – nennt Segal sich Hedwig Courths-Mahler, während er für "Old Ladies Never Tell" mit dem von ihm selbst gewählten deutschen Titel "Das Geheimnis der alten Mamsell" als E. Marlitt firmiert. Um den Streitwert einvernehmlich möglichst niedrig zu halten, werden die beiden Werke vom Lichtenberg-Verlag zum Ladenpreis von bloß je 9,80 DM feilgeboten.