Von Richard Schmid

Der gescheite Gerhard Szczesny hat aus seiner Berührung mit den jungen radikalen Linken anscheinend einen solchen Schock seines Maß- und Sprachgefühls davongetragen, daß er nun geradezu "Abschied von der Linken" nimmt". Mit diesen Worten überschreibt er das Vorwort seines Buches

Gerhard Szczesny: "Das sogenannte Gute. Vom Unvermögen der Ideologen"; Rowohlt Verlag, Reinbek 1971; 224 S., 18,50 DM,

in dem er in achtzehn Kapiteln seinen heutigen Standort und dessen Grenzen gegen links und rechts mit dem ihm eigenen abstrakten und philosophischen Ausdrucksvermögen beschreibt. Auf die Bezeichnung "links" möchte er, um sie nicht mit den linken Radikalen teilen zu müssen, für sich verzichten.

Die geist- und variantenreiche Polemik gegen Ideologie und Utopismus der radikalen Linken und die Verteidigung der pragmatischen Demokratie scheint mir aber der einfachen Erkenntnis auszuweichen, daß das Gleichheitsprinzip im Grunde auch Ideologie ist – nur eben eine nicht mehr strittige, also eine, die man nicht mehr verdächtigen und ächten kann. Auch dieses Prinzip hatte sich revolutionär und gewalthaft durchzusetzen. Deshalb ließe sich die Polemik gegen Karl Marx und die Marxisten, auf die Szczesny soviel Mühe und Geist verwendet, reduzieren auf die einfache Frage, inwieweit jenes nicht mehr strittige ideologische Prinzip der Gleichheit in der pragmatischen und parlamentarischen Demokratie realisiert oder doch realisierbar ist.

Die marxistische Grundthese, daß die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen sei, bezieht ihre politische und emotionale Ladung in erster Linie davon, daß sich das Prinzip der Gleichheit in den letzten zwei Jahrhunderten zwar ideologische Geltung verschafft hat, jedoch zweifelhaft wurde, ob es mit den Gleichheitssätzen der demokratischen Konstitutionen getan sei. Unter, diesen Konstitutionen hatte sich nämlich krasseste Ungleichheit und Unterdrückung nicht nur erhalten, sondern zum Teil erst gebildet. Es handelte sich um die historische Erfahrung des Kapitalismus und die konkrete Kritik an ihm. Und das läßt sich nicht als Ideologie abtun.

Mit dieser sozialen und ökonomischen Problematik beschäftigt sich leider Szczesny wenig; die Frage, inwieweit die maschinelle Lohn- und Akkordarbeit human ist und die menschliche Gleichheit, Entfaltung und Würde angeht, scheint ihn weniger zu berühren. Er hält sich mehr an die oft krampfigen literarischen Äußerungen der Radikalen und deren gespreizte und gestelzte Sprache. Was hier an Exzessen passiert ist, läßt sich mit ein wenig Toleranz und Erfahrung erklären: Die erste Berührung mit der wissenschaftlichen Begriffswelt und Terminologie und das einigermaßen begründete Mißtrauen in die Weisheit der vorhergehenden Generation erklärt höchst natürlich die Überheblichkeit und die Exzesse.