DIE ZEIT

Die Diktatur der Bestseller

Die landläufige Einstellung zum Bestseller ist etwa die: Bestseller sind Bücher, die sich besser verkaufen als andere. Meist sind sie nichts wert, aber es gibt Ausnahmen.

Kreiskys Sieg

Die österreichischen Sozialisten haben am vergangenen Sonntag einen Rekord aufgestellt: Die SPÖ gewann bei den Nationalratswahlen die absolute.

Gegen – Junktim

Moskau hat Bonn an die Geschäftsgrundlage der Ostpolitik erinnert. Jener Sachzusammenhang zwischen der Ratifizierung des Moskauer Vertrags und dem Abschluß des Berlinabkommens, den Junktim zu nennen sich Moskau weigerte, als Bonn diesen Zusammenhang betonte, ist jetzt im Gegenzug vom sowjetischen Außenminister Gromyko hergestellt worden.

Amerikas Gipfelstürmer

Nixon strahlte vor Optimismus. Ein Präsident, der im kommenden Winter Mao die Hand schüttelt und im Mai Breschnjew gegenübersitzt, scheint der Sorgen um seine Wiederwahl schon fast enthoben zu sein.

Lehren von Bremen

In Bremen hat nicht Brandt gewonnen und auch nicht Barzel verloren. Bremen ist nicht die Bundesrepublik. Leichtfertig wäre es, nach dem unerwartet haushohen Sieg der SPD in der Hansestadt (59 Mandate) und dem spektakulär mageren Erfolg der CDU (34 Sitze) Rückschlüsse solcher Art zu ziehen: Die Politik der Bonner Koalition finde bundesweite Zustimmung; um den Ausgang der Bundestagswahlen 1973 brauche es den Regierungsparteien nicht bange zu sein.

ZEITSPIEGEL

Westdeutsche Schriftsteller bangen um die soziale Reform. Die SPD-Bundestagsfraktion hatte in dem Entwurf zur Novelle zum Urheberrecht zwar die sogenannte Bibliotheksabgabe vorgesehen, aus der die Schriftsteller ihr Sozialwerk finanzieren wollen, aber der Bundestagsausschuß für Wissenschaft und Bildung schiebt die Entscheidung seit Wochen vor sich her.

„Ich orientiere mich an der Basis“

Verlegen drehte der Hauptgefreite seine Schiffchenmütze in den Händen. In dem Standardstuhl mit verblichenem grünem Bezug und den abgewetzten Holzlehnen sah der etwa vierzigjährige „Zwölfender“ etwas bemitleidenswert aus.

Mann in der Mitte

Im Parteihauptquartier der Christlichen Demokraten in der Bonner Nassestraße herrscht Abschiedsstimmung: allen 150 Angehörigen der Zentrale, weil sie Ende dieses Monats aus dem Altbau in das großzügig bemessene neue Partei-Altbau mitten im Regierungsviertel umziehen werden – und bei einigen Mitarbeitern, weil sie nach dem Wechsel in der Parteispitze nicht länger bleiben wollen oder können.

Kater vor der Peking-Reise

In dem erzkonservativen amerikanischen Wochenblatt Human Events (dem Bayernkurier vergleichbar) warnt die Chinakennerin und bekannte Antikommunistin Freda Utley davor, Tschu En-lai könne Richard Nixon ausmanövrieren.

Erkundung im Osten

Das atlantische Bündnis schickt seinen bisherigen Generalsekretär auf Kundschaft in die Staaten des Warschauer Paktes: Manlio Brosio soll die Bereitschaft des Ostens sondieren, sich auf einen beiderseitigen, ausgewogenen Truppenabbau auf dem europäischen Kontinent einzulassen.

Flirt mit Marianne

Die kommunistische Partei und andere Freunde der DDR in Frankreich haben einen Feldzug unter dem Motto eröffnet: „Jetzt anerkennen!“ Frankreich, so heißt ihr Argument, habe keinen Anlaß mehr, der Bundesregierung bei einer Anerkennung der DDR die Initiative zu überlassen; Paris laufe ohnehin schon Gefahr, die Führungsrolle in der europäischen Ostpolitik an Bonn zu verlieren.

Gift oder Guillotine

Die Wochenzeitung Publik, so formulierte einer ihrer Mitarbeiter melancholisch, "hat die Wahl zwischen Gift und Guillotine" – zwischen dem langsamen Tod durch Fusion mit dem Rheinischen Merkur und dem schnellen Ende durch Entzug der finanziellen Unterstützung, die dem Blatt bisher durch die katholischen Bischöfe zuteil wurde.

Brighton links, Brighton rechts

Kenner der britischen Politik warnen den auswärtigen Betrachter stets davor, die jeweils aktuellen Differenzen zwischen Labour und Tories allzu ernst zu nehmen.

Was Gehlen verschwieg

Weiße Flecken in den Memoiren des ehemaligen BND-Chefs – Ein Gespräch mit dem Geheimdienstexperten Hermann Zolling

Götz-Zitat

Der neuernannte Präsident des Oberschulamtes Südwürttemberg-Hohenzollern, Dr. Götz, bezeichnete bei der Amtseinführung durch den CDU-Kultusminister Hahn in seiner Erwiderungsrede dessen Zielsetzung als „beispielgebend für die ganze Bundesrepublik“.

Wer wählte SPD?

Die Analyse zur Bremer Wahl wurde im Rechenzentrum der Universität Mannheim von einem Team durchgeführt, das schon seit Jahren Wahl-Hochrechnungen für das ZDF erstellt und sich um Professor Wildenmann gebildet hat.

Aufgehört zu miauen

Seit dem 1. Oktober müssen die Kommunisten in der Bundesrepublik und auch manche andere, keineswegs links orientierte Bürger auf ein liebgewordenes Rundfunkprogramm verzichten: „Der „Freiheitssender 904“ schweigt.

Nörgeln am Nulltarif

London schickte seine Bewohner schon 1863 in den Underground. Es folgten Budapest (1896), Glasgow (1897) und schließlich zur Jahrhundertwende Paris.

Eine akademische Kraftprobe

Die Universität Heidelberg entwickelt sich immer mehr zur „FU des Westens“: abgebrochene Vorlesungen, Studentenproteste, Auszug aus dem Senat, Streit zwischen Rektorat und Kultusbehörde.

Kunstfehler oder Schicksal?

Bis zum 1. April 1969 hatte es nichts im Leben der knapp dreijährigen Sophie F. geeben, das auf eine anomale Zukunft hätte schließen lassen.

Gnade für Lebenslängliche?

Niedersachsens Ministerpräsident Alfred Kubel (SPD) will die Ständige Konferenz der Justizminister der Bundesländer noch in diesem Jahr mit einem Thema konfrontieren, das vielen Unbehagen bereiten wird.

Überraschung in Bremen

Die Wahlen für die Bremer Bürgerschaft endeten am Sonntagabend mit einer großen Überraschung: Die Sozialdemokraten unter Führung Bürgermeister Koschnicks eroberten nicht nur die 1967 verlorene absolute Mehrheit zurück, ihr Stimmenzuwachs um mehr als neun Prozent überwog auch den der CDU bei weitem (zwei Prozent).

Österreich: SPÖ erreicht Ziel

Die Sozialistische Partei Österreichs wird ohne Koalitionspartner regieren und die Mitglieder der bisherigen Minderheitenregierung Kreisky in ihren Ämtern bestätigen.

Dokumente der ZEIT

„Ich glaube, daß diese Manöver eine enorme Bedeutung haben werden, und zwar nicht nur für die Feststellung, wie gut die Armee im Falle eines Angriffs auf unser Land sein wird, wie wirkungsvoll die kombinierten Operationen der Armee und der Territorialeinheiten sind, sondern all dies wird auch von großer politischer Wichtigkeit sein.

Krisenherde der Woche

Überraschend haben die USA und Südvietnam einen nordvietnamesischen Leutnant aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Sie reagierten damit auf die Freilassung eines amerikanischen Sergeanten aus Nordvietnam.

Mao bei bester Gesundheit

Die Spekulationen über den chinesischen Parteichef Mai Tse-tung haben sich als haltlos erwiesen: Mao ist weder schwer krank, noch gar gestorben.

Der Kreml sorgt sich um die Ostverträge

Die Bundesregierung hat in der vergangenen Woche bestätigt, daß der sowjetische Außenminister Gromyko in New York Besorgnisse hinsichtlich der Ratifizierung der Ostverträge durch den Bundestag geäußert hat.

Den Messehahn zugedreht

Es gibt die Geschichte vom amerikanischen Ehepaar, das im Sightseeing-Bus durch Europa reist. „Ist das jetzt Heidelberg?“ fragt die Frau.

Das große Bücher-Mahagonny

Die schleichende Krise in Verlagswesen und Buchhandel ruft immer krampfhaftere Anstrengungen hervor, einmal in der Saison den großen Coup zu landen, den Bestseller aufzuspüren und durchzuboxen, der Konkurrenz die Optionen auf erfolgsträchtige Bücher mit astronomischen Garantiesummen abzujagen, sich mit Werbeanstrengungen zu überschlagen.

Albrecht Knaus: Die Leute geil machen

Das Buch war immer eine Ware, der Buchhandel ein Handel, und seine Produkte gingen über Ladentisch. Es ist aber eine Ware von ganz besonderem Saft, und deshalb stellte der Buchhandel einen kulturträgerischen Anspruch, den Textil- und Kolonialwarenhändler gleichermaßen nicht erheben konnten, obwohl ich wissen möchte, wo ohne Tee und Kaffee, Hemden und Hosen eine Kultur herkommen kann.

Jürgen Kolbe: Eine teure Rose

Als ich die rote Rose – langstielig, bestimmt Zwei-Marks-Qualität – neulich vor meiner Wohnungstür fand, machte sich für einen unkontrollierten Augenblick der Verdacht breit, daß da vielleicht eine holde Unbekannte – keusch und romantisch – ihre glühende Verehrung.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Eine Show mit geschlossenen Augen zu hören, ist noch absurder, als sich das mit einer Oper auf Platten anzutun. Trotzdem vergißt man den Mangel hier oft, weil die „live in Paris“ aufgenommenen Protagonisten Turner ihre Show auch verbal veranstalten: Tina mit ihrer lodernden, beißend-aggressiven Blues-Stimme, Ike mit seinem wohlklingenden, sanften Baß, dazu eine Truppe eingefuchster Begleiter.

ZEITMOSAIK

Die Eigentumsdiktatur auf dem Wohnungsmarkt ist tiefstes Vorgestern, in seinen kapitalistischen Wonneträumen ungestörtes 19.

Hochschulgesetz Niedersachsen: Unnötige Kraftprobe

Kultusminister Peter von Oertzen hat den niedersächsischen Hochschulen einen Bärendienst erwiesen. Das auf seine Initiative hin verabschiedete „Vorschaltgesetz“ zu einem späteren Gesamthochschulgesetz bringt den Hochschulen nichts außer einer weiteren tiefen Krise ein und macht Peter von Oertzen zum Gewinner einer Kraftprobe, in der der Verlierer von vornherein feststand: Die Hochschulen liegen am Boden, die Staatskommissare sind auf dem Weg.

Drei Arten, Kunst zu zeigen

Ist der Boom vorbei? Hat der Kunsthandel sich auf eine lange Talfahrt einzurichten? Wurden wenigstens die nicht unerheblichen Unkosten eingespielt, die vom Vorsitzenden Dieter Brusberg auf runde 15 000 Mark pro Galerist und Koje geschätzt werden? Zweckoptimismus wurde außer den mindestens 1500 Objekten auf dem Kölner Kunstmarkt zur Schau gestellt, muntere Reden begleiteten das mitunter schleppende Geschäft.

Kunstkalender

Keine spektakulären Objekte für den internationalen Handel, um so attraktiver ist das Angebot auf der Herbstauktion für den kleinen Sammler, für den Liebhaber alter Zeichnungen beispielsweise, der hier, sofern er nicht auf große Namen fixiert ist, eine Menge sehr reizvoller Entdeckungen vor allem bei den Italienern und Niederländern des 17.

Multimedia-Oper in Köln: Hochdramatische Angst

Eigentlich war die Masche ja längst schon wieder durch. Multimedia-Spektakel, die moderne Form des Gesamtkunstwerks, die Integration von Wort und Ton und Bild, von Geste und Bewegung und Raum und Vorstellung und Absurdität, dieses Konglomerat aus Kunst und Antikunst – dieses sich revolutionär gebende verschleierte Halbkönnen hat sich schon oft genug selber dekuvriert, als daß noch bemerkenswerte Impulse von ihm ausgehen könnten.

Fünf mal „Hölderlin“ von Peter Weiss: Erneut in Gips gegossen

Hat man den „Hölderlin“ auf seiner ersten Runde über die deutschsprachigen Bühnen verfolgt, ihn also fünfmal (in Stuttgart, Basel, Hamburg, Krefeld, Berlin) gesehen und gehört, dann dröhnen einem die Ohren, von den unsäglichen Knittelversen nach, mit denen das Stück gespickt ist: Denn anders als im „Marat/de Sade“, wo die Sprache von Weiss ja auch holpert und poltert und dauernd Reimschaum vor dem Mund trägt, zeigt sich beim „Hölderlin“ leider, daß dieses „Reim dich – oder ich freß dich“ keinen Freiraum läßt für eine konvulsivische Theatralik, die dort, beim „Marat/de Sade“, in ihrer Entfesselung auch die Sprache beglaubigte, weil die Verwirrungen einer Epoche als fratzenhafter Alptraum gezeichnet wurden.

FILMTIPS

Im Fernsehen: „Die scharlachrote Kaiserin“ (USA 1934), von Josef von Sternberg (West III am 17. Oktober), zeigt Marlene Dietrich als Katharina von Rußland ganz anders als sonst bei Sternberg.

Fernsehen: Romanze in Moll

Jakob von Gunten, ein Roman von Robert Walser, entworfen in der Tagebuchform und Anno 1909 publiziert: Da denkt man an Kafka (den unerbittlichen, wie Benjamin schrieb, der den scheinbar verspieltesten aller Dichter sehr liebte), denkt an die lapidaren acht Kafkaschen Worte „Jakob von Gunten“ kenne ich, ein gutes Buch*, und denkt vor allem an früher Törless, eine Geschichte, die – drei Jahre früher als Walsers Roman erschienen – dem Tagebuch des Zöglings Jakob vielfach ähnlich ist: In jedem Fall kommt ein junger Mann in ein Institut, hinter dessen Fassade man unheimliche Rituale zelebriert, Initiationsrituale, bestimmt von Grausamkeit und Perversion; in jedem Fall wechseln höchst realistische Szenen, Internatsepisoden aus Mährisch-Weißkirchen und Szenen, die in einer (freilich befremdlichen) Berliner Erziehungsanstalt spielen, mit Phantasmagorien an der Grenze von Wachheit und Traum; in jedem Fall werden selbst Kraßheiten wie sadistische Folterungen auf dem Speicher (bei Musil) oder ein Mordversuch (bei Walser) in einer Art hellwacher Trance erzählt, wobei das Überdeutliche (bei Musil) in gleicher Weise zur Ambivalenz des Geschilderten beiträgt wie das Angedeutete (bei Walser).

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