Von Havo Matthiesen

So unkonventionell hat noch kein praktizierender katholischer Theologe über Jesus gesprachen: "Daß er Frauen in seiner näheren Umgebung hatte; war ein ausgesprochener Skandal in der damaligen Gesellschaft, etwas Zigeunerhaftes wird da sichtbar." Oder: Seine Hinrichtung werde "aus dem abweichenden, ja kriminellen Verhalten Jesu angesichts des kulturellen und religiösen Normengefüges seiner Gesellschaft einigermaßen verständlich".

Diese und andere provokante Aussagen stehen in einem theologischen Bestseller, von dem bereits 20 000 Exemplare verkauft wurden –

Adolf Holl: "Jesus in schlechter Gesellschaft"; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 212 S.; 20,–DM.

Holl – Kaplan in der Wiener Vorstadt Neulerchenfeld, Doktor der Theologie und der Philosophie, habilitiert und Dozent an der Wiener Universität, ein Sportler mit besonderer Neigung zum Tennis – ist seit längerem schon in manchen Fragen nicht mehr im Gleichschritt mit seiner Kirche. Das Buch, eine Schrift gegen den Dunst von Weihrauch und Weihe, von Kult und Tradition in einer erstarrten Konzils-Kirche, "hinterfragt" das offizielle Dogmengebäude nach Christus selber, nach dem Menschen Jesus und seiner gesellschaftlichen Situation.

Holl psychologisiert nicht, sondern analysiert mit soziologischer Methode, wie Jesus gelebt, was er gesagt und getan hat. Sein Buch ist diszipliniert geschrieben, in einem nüchternen, unpathetischen Stil.

Die These des Buches lautet: Jesus stand außerhalb der Gesellschaft, in der er lebte, und war vorwiegend "unter Ketzern, Neuerern und Schwärmern, Weltflüchtigen und Revolutionären, Neurotikern. und Narren, Hysterikern, Mystikern und Heiligen anzutreffen. Er benahm sich so wenig normgerecht, daß sein Verhalten sowohl vom hohen jüdischen Rat wie vom römischen Statthalter "als kriminell beurteilt" wurde.