Von Joachim Schwelien

Washington, im Oktober

In dem erzkonservativen amerikanischen Wochenblatt Human Events (dem Bayernkurier vergleichbar) warnt die Chinakennerin und bekannte Antikommunistin Freda Utley davor, Tschu En-lai könne Richard Nixon ausmanövrieren. "Wenn die Erklärung für Nixons Reise nach Peking in der Theorie Henry Kissingers gefunden werden kann, jetzt wäre die goldene Gelegenheit gekommen, um China zu unserem Vorteil gegen Rußland auszuspielen, muß der vertrauenswürdige Ratgeber des Präsidenten entweder die Lehren unserer Zeitgeschichte vergessen haben oder wie Franklin D. Roosevelt ein Übermaß an Vertrauen in seine Fähigkeiten als Schlangenbeschwörer besitzen", meint die Schriftstellerin. Trotz der Animosität zwischen Moskau und Peking hätten sich die beiden kommunistischen Tyranneien doch die von einer Zusammenarbeit abhalten lassen, wenn es darum ging, sich hart auf hart mit dem imperialistischen Westen auseinanderzusetzen. Die Politik der Vereinigten Staaten sollte nicht darin bestehen, die eine oder die andere dieser totalitären Diktaturen zu unterstützen.

Diese Besorgnis ist nun keineswegs in Amerika vorherrschend, schon gar nicht nach Ankündigung der Moskau-Reise. Doch sind solche Vorbehalte auch bei den Rechtsabweichlern in der Republikanischen Partei, von Gouverneur Ronald Reagan über den ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater bis zu Senator Strom Thurmond, anzutreffen. Alle diese Politiker meinen, der einzige Gewinner würde Mao Sein.

In seinen Berechnungen über die innen- und außenpolitischen Wirkungen seiner Chinapolitik – die Richard Nixon nach unwidersprochenen Enthüllungen einer amerikanischen Zeitung überdies lange vor der Einladung an die amerikanischen Tischtennisspieler und vor der Ankündigung seiner Reisepläne mit dem demokratischen Fraktionsvorsitzenden im Senat, Mike Mansfield, vertraulich erörterte und durch Vermittlerdienste des nach China emigrierten kambodschanischen Staatschefs Prinz Sihanuk fördern ließ – hat der US-Präsident jedoch weniger die geheime Rechtsopposition in seiner Partei einzukalkulieren, als mögliche Konsequenzen in den Vereinten Nationen.

In der Generaldebatte über China haben inzwischen westliche und lateinamerikanische Nationen eine nach der anderen den Amerikanern die Gefolgschaft aufgesagt: Sie wollen nicht den Antrag unterstützen, der eine gleichzeitige Vertretung von Taiwan und der chinesischen Volksrepublik vorsieht. Die Chinadebatte beginnt am 18. Oktober. Zur Abstimmung stehen an ein albanischer Antrag, der auf die Aufnahme der Volksrepublik und den Ausschluß Nationalchinas abzielt, und zwei von den Amerikanern geförderte Resolutionen, die den Ausschluß Taiwans verhindern sollen.

Nach derzeitigen Zählungen steht die Entscheidung auf des Messers Schneide. Bisher haben sich je 57 Mitglieder auf die albanische oder die amerikanische Resolution festgelegt; der Rest der insgesamt 131 UN-Staaten schwankt noch. Verliert die amerikanische Regierung das Gefecht in der UN-Vollversammlung, dann geht sie auf diesem Nebenkriegsschauplatz ihrer neuen Chinapolitik mit einem schweren Prestigeverlust vom Platz, und die Opposition von rechts in Washington würde plötzlich sehr an Gewicht gewinnen. Der bei den Republikanern hospitierende Senator der Konservativen Partei des Staates New York, James Buckley, hat bereits mühelos die Unterschriften von 21 Senatoren und 35 Abgeordneten des Repräsentantenhauses für eine Erklärung sammeln können, in der für diesen Fall angedroht wird, die finanziellen Leistungen Amerikas an die UN zu prüfen.