Von Manfred Sack

Das sagt er so hin, dieser kleine, behende, magere, schwarzhaarige Sohn eines fröhlichen, fleißigen und gerechten Armeniers – in Paris, dieses zähe Männchen, das ein ganzer Mann ist und eine Stimme zum Singen gebraucht, die normalerweise zum Singen unbrauchbar wäre – das sagt er so hin: "Es gibt Berufungen, die treffen einen bereits im Schoß der Mutter." Völlig klar, daß sich schon in dem Zehnjährigen "der feste Wille entwickelt, Künstler zu werden". Und wie’s dann war, ehe es so weit war mit dem großen Ruhm, in der langen Zeit der trotzigen Träume, besang er so: "Ich sah meinen Namen in Riesenlettern / auf den Plakaten stehen, / ich sah mich reich und umjubelt, / von Autogrammjägern umdrängt. Ich war der größte unter den Show-Größen."

Und wie sie sich dann zutrug, die langwierige Entstehung eines Chansondichters und -sängers, das hat er nun – auf irgend jemandes Treiben hin – erzählt. Sein Buch heißt:

"Aznavour über Aznavour" – Der bekannte Chansonnier erzählt seine eigene unglaubliche Geschichte, aus dem Französischen von Karin von Zabiensky; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 308 S., 24 Photos, 26,– DM.

Der Titel sagt es treffend: Charles Aznavour hat nicht Memoiren geschrieben, die den Anspruch redlicher Genauigkeit erfüllten, sondern eine Geschichte über sich selber, spannend, mit vielen nachempfundenen, dramatisch sehr ergiebigen Dialogen, mit Schilderungen Von Zeitgenossen und Szenen. Er ist ein guter Beobachter und ein gewandter Erzähler, er ist auch eine ehrliche Haut und spart deshalb nicht mit Selbsterkenntnissen: Schwer hat er’s gehabt.

An die Stelle dokumentarischer Exaktheit setzt Aznavour charakterisierende Farbigkeit, und seine Zeitangaben sind, sofern überhaupt vorhanden, so vage, daß man mitunter nicht recht weiß, ob zwischen zwei Szenen ein Tag oder ein Jahr vergangen ist. Wann er geboren ist? Dazu, dachte er wohl, sind die Lexika da.

So lernt man denn, amüsant unterhalten, einen ehrgeizigen, komplexbeladenen, selbstbewußten, viven Stehaufmann kennen, der sich seine Karriere beharrlich ertrotzt. Irgendwann – kein Mensch weiß es bei Aznavour wie bei den meisten anderen Stars, welcher Art auch immer – mochte man ihn: denselben, den man vorher ums Verrecken nicht gemocht hatte.