"Die Entführung der Doña Agata", Roman von Gudrun Pausewang. Das ernste Thema der Entführung in Lateinamerika – einmal als Schwank. Statt Botschaftsangehörige oder Geschäftsleute trifft es eine alte Jungfer aus der Patrizierfamilie einer südamerikanischen Provinzstadt. Sie wird von einem dilettantischen Ganovenquartett gekidnappt und macht in dem von ihr verachteten, aber bislang ungekannten Milieu dieser Leute eine merkwürdige Verwandlung durch. Doña Agata und ihre vier auf Lösegeld erpichten Entführer werden von Gudrun Pausewang, deutsche Lehrerin in Südamerika, in eine Folge komischer Abenteuer verwickelt. Ihr Text ist auf eine Mischung von unverblümter Schelmerei mit Allzumenschlichem abgestimmt. Wir erfahren sowohl von dem empfindsam: skurrilen Roman des analphabetischen Dichters als auch von den volltönenden Furzen des dümmsten und muskulösesten der Ganeffs, des "Mulatten". Nur im Vorbeischrei en wird von der Armut, von der Einfalt der Indios und anderer Randgruppen, von der Deerbungssucht und dem Standesdünkel der traditionellen Familien gesprochen. Die im Klappentext erbetene Diskretion über den Ausgang der Geschichte vollen wir berücksichtigen, obwohl der Roman ja schon im Hamburger Abendblatt vorabgedruckt wurde. Soviel aber kann man sagen: trotz einiger krasser Deftigkeiten ist es ein unterhaltsames Jugendbuch. Schade nur, daß Südamerika nur einen so schematischen Hintergrund abgibt. Indios, spanische Namen und Geldbezeichnungen wirken wie kunstgewerbliches Beiwerk. Um konkretere Umwelt hat sich die Autorin in ihren vorausgegangenen Chile-Büchern mehr bemüht. (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 240 S., 22,– DM)

German Kratochwil

"Ich bin als Griechin geboren", von Melina Mercouri. Von der ersten Seite (es ist freilich die siebente) des Buches: "Wenn ich das eine Mal eine hemmungslose Genießerin aller Lebensfreuden, das andere Mal aber eine Jeanne d’Arc zu sein scheine, so darum, weil ich sowohl das eine wie das andere bin ... Männer. Fangen wir mit den Männern an. Ich lebe heute im festen Bunde einer Ehe und sogar einer unwahrscheinlich guten, das kann ich wohl sagen." So unbekümmert, freimütig, mitunter naiv, applausheischend und mit Tränen in den Augen erzählt uns Melina ihr Leben, erzählt sie von ihrem Widerstand gegen die deutschen Besatzer, den ersten Rollen in Athen, und dann kommt die große weite Welt, Paris, Cannes, New York, die großen (und die kleineren) Filmrollen, die großen und geizigen Produzenten, die liebenswerten Regisseure. Das letzte Drittel des Buches ist der griechischen Militärjunta vorbehalten, vor allem aber: der Gleichgültigkeit Amerikas und der anderen Länder, die nichts gegen die Junta unternehmen, im Gegenteil; je weiter die Zeit voranschritt, um so mehr unterstützten sie sie, sogar die Russen erweiterten ihren Warenaustausch mit Griechenland. Melina ist eine Schauspielerin von Geblüt, eine große Frau, die mit diesem Buch allerdings den Punkt erreicht hat, wo sich ihr Schicksal ins Tragische oder Komische wendet. Es gibt auch die dritte Möglichkeit, das Verschwinden im Unscheinbar-Bedeutungslosen. (Aus dem Englischen von Ada Klein; Blanvalet-Verlag, Berlin; 355 S., 28,– DM)

Mario Szenessy

"Der rote Wolf – Roman eines Sommers", von Morris L. West. Frappierend ist immer wieder die Vielseitigkeit dieses Romanartisten, frappierend wie die Tatsache, daß der anglo-amerikanischen Unterhaltungsliteratur die Luft nicht ausgeht. Für den Leser ist sie Sauerstoff, der wach hält, ohne ihn sonderlich zu strapazieren. Ich beziehe das mehr auf die Quantität als auf die Qualität. Die 440 Seiten dieses Romans hält man in einer einzigen Nachtsitzung durch, ohne sich später darüber zu ärgern. Und damit ist ja auch schon einiges über die Qualität gesagt, wenn man nicht doktrinäre Maßstäbe an Diktion und Erzählweise legt, sondern sie im Rahmen des funktionellen. Entertainments wertet. Und so betrachtet, ist das schon ein respektables Werk. Ein Mann – der Ich-Erzähler – hat all das satt: "die Kriege und das Töten, das Erstehen neuer Tyranneien, die Perfektionierung alter, die Lügen und die Politik, die Drogensucht und die schale Pornographie, die stinkenden Müllhaufen von Städten, den Schrecken, der über jedem Morgen hing..." Und so folgt er der Einladung eines alten Freundes, eines ehemaligen ärztlichen Missionars, der ihm in Rom über den Weg läuft. Als "närrischer Pilger auf der Flucht vor sich selbst" trifft er eines Tages bei jenem Alastair Morrison südlich von Stornoway auf den Äußeren Hebriden ein. Zuvor schon lernt er die junge Ärztin Kathleen McNeil kennen und den rotbärtigen Ruarri Matheson, die Hauptfigur des Romans, den "roten Wolf": Fischer, Seemann, Besitzer eines kleinen Segelschiffes. Auch ein Stück Land gehört ihm, und er hat Ambitionen: "Herr der Inseln" zu werden, "aber auf die alte Art, brüderlich zu allen ..." Der Held jedoch ist keiner. West hat da keine nordische Holzschnittfigur geschaffen, sondern einen vielschichtigen, schillernden Typ, der – wenn ein vorsichtiger Vergleich gestattet ist – in die Welt Joseph Vergleich passen würde. Eine im Grunde so Joseph Geschichte derart intensiv zu erzählen, ist so etwas wie Kunst: die Kunst nämlich, ehrliche Literatur zu machen. (Aus dem Amerikanischen von Hansjürgen Wille und Barbara Klaus; Verlag Kurt Desch, München; 439 S, 26,– DM)

Egbert Hoehl