Stuttgart

Bis zum 1. April 1969 hatte es nichts im Leben der knapp dreijährigen Sophie F. geeben, das auf eine anomale Zukunft hätte schließen lassen. Das Kind erfreute sich bester Gesundheit. An diesem 1. April brachte die Mutter Sophies die Kleine zur Sprechstunde des Arztes E. für Stuttgarter Olga-Krankenhaus. Der Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten stellte eine durchbrochene Mittelohrentzündung fest ließ riet zur sofortigen Operation. Röntgenbilder ließ er nicht anfertigen. Die Mutter des Kindes erklärte ihm, Sophie sei von einer Flugreise noch mitgenommen; Dr. E. bemerkte jedoch keinen Schwächungszustand und behielt das Mädchen gleich auf der Hals-, Nasen- und Ohrenstation (HNO).

Wenige Stunden später, ohne vorherige Herzuntersuchung, operierte er Sophie. Die Narkose nahm eine von ihm angelernte Schwester vor. Während der Operation trat plötzlich ein Herzstillstand auf – höchstwahrscheinlich infolge der Narkose. Die exakte Dauer läßt sich nicht mehr rekonstruieren; Gutachter schätzen an Hand der hand der späteren Auswirkungen, daß der Herzspäteren Auswirkungen, daß der Herzschlag für mindestens drei Minuten ausgesetzt haben muß.

Gemeinsam mit einem eilig herbeigerufenen Kollegen gelingt es Dr. E., das Herz wieder zum Schlagen zu bringen und die Operation zu beenden. Doch Sophie bleibt 20 Tage lang bewußtlos; und als sie wieder zu sich kommt, wird sichtbar, daß sie schwere Schäden davongetragen hat: Sie kann kaum gehen, nicht mehr sprechen und nichts mehr sehen.

Die Eltern erheben sofort eine Klage gegen den Operationsarzt und das Krankenhaus, außerdem erstatten sie Strafanzeige gegen den Arzt. Sie sind davon überzeugt, daß Sophie bei der Operation nichts zugestoßen wäre, wenn er nach allen Regeln der medizinischen Kunst verfahren wäre. Insbesondere hätte er, so meinen sie, einen Narkosefacharzt zur Operation hinzuziehen müssen. Und als das Unglück passiert war, hätte Dr. E. sich mehr um Sophie kümmern müssen.

Dr. E. meint, sein Bestes getan zu haben. Er und das Krankenhaus weisen jede Schuld – von sich.

Die für den Zivilprozeß zuständige 15. Kammer des Landgerichts Stuttgart vernimmt die Zeugen und beauftragt drei Würzburger Professoren mit einem Gutachten. Diese kommen zu dem Ergebnis, daß die meisten Vorwürfe der Eltern nicht berechtigt sind, drücken sich aber um klare und eindeutige Aussagen in den wesentlichen Punkten herum. Das Gericht hatte Antworten auf die Fragen erbeten, ob Dr. E. einen Anästhesisten zur Operation hätte hinzuziehen müssen, ob die durchgeführte Narkose den Regeln der ärztlichen Kunst entsprach und welche Maßnahmen bei Eintritt des Herzstillstandes hätten ergriffen werden müssen. Auch wollte das Gericht wissen, ob man zu diesem Zeitpunkt noch die spätere lange Bewußtlosigkeit hätte vermeiden können. Die Antworten der Professoren sind lang und ausführlich, aber sie sind verschieden auslegbar.