Von Wolf Donner

Der Begriff geistert seit zwei Jahren durch die Filmbranche, durch Feuilletons, Kommunalbehörden und Kulturinstitutionen; er ruft Idealismus, Jubel, Skepsis, Empörung und inzwischen auch Drohungen mit dem Kadi hervor; er wird gehandelt, als sei er das private Problem seines derzeitigen Promoters, des Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann; und nun droht das "Kommunale Kino" rettungslos zerredet und in einem Brei lokaler, egoistischer Einzel- und Gruppeninteressen aufgelöst zu werden.

Andere gebräuchliche Bezeichnungen für kommunale Kinos sind, je nach Temperament: Gemeinde- oder Kunstkino, das neue oder das zweite Kino, subventioniertes, gemeinnütziges oder "vergesellschaftetes" Kino. Gemeint ist immer dasselbe: Der Film als ein Faktor kommunaler Kulturpolitik, ein Kino, das subventioniert wird wie Theater, Museen, Orchester oder Bibliotheken. Denn: "Die Bedeutung des Films als einer gleichrangig neben Theater, Musik, bildender Kunst und Literatur stehenden Kunstgattung, als einer wegen seiner didaktisch-methodischen Vorteile besonders wirksamen Methode moderner Bildungsarbeit und als eines der wichtigsten Medien im gesellschaftlichen Bewußtseinsprozeß ist in den letzten Jahren in zunehmendem Maße erkannt worden; diese Bedeutung wird sich mehr und mehr verstärken."

Das mag kompliziert klingen, ist aber wohl kaum zu leugnen. Es steht in einer Resolution der Ständigen Konferenz der Kultusminister und des Deutschen Städtetages, die ausdrücklich für die Errichtung kommunaler Kinos plädiert. Der Ausgangspunkt solcher Überlegungen, die in einem langen mühseligen Prozeß von der Basis, nämlich einzelnen Kinos oder Filmmachern, bis auf diese höchste Ebene der Kulturpolitik durchgedrungen sind, ist bekannt: Immer mehr Kinos in den Randgebieten der Großstädte und in kleineren Städten müssen schließen; die noch vorhandenen 3000 Kinos stehen in ganzen acht Prozent aller Gemeinden der Bundesrepublik; seit 1966 vergraulte das immer schlechtere Programm 80 Millionen Besucher; ein unsinniges Filmförderungsgesetz honoriert den kurzfristigen Erfolg an der Kasse und verschlimmert die Lage, statt Abhilfe zu schaffen; rund vierzig Spielfilme junger deutscher Regisseure liegen unbeachtet herum, darunter viele der neuen Gattung Festivalfilm, die im In- und Ausland den deutschen Film repräsentiert und dann ins Archiv wandert.

Dabei gibt es längst Anzeichen einer positiven Entwicklung: Die guten Erfolge vieler schon bestehender unabhängiger Kinos und Abspielstätten; ein wachsendes Interesse, besonders der Jugendlichen, am Film; ein merkwürdig plötzliches Angebot vieler guter Filmbücher und unerwartet lange Laufzeiten anspruchsvoller Filme (die die Verleihe schon veranlaßt haben, ein paar mehr Rosinen in den neuen Programmkuchen zu backen); und eben das kommunale Kino, mit dem Hilmar Hoffmann ins Kreuzfeuer der Meinungen geraten ist.

Sein Konzept, das noch Mitte November in Frankfurt realisiert werden soll, sieht einen täglichen Programmwechsel wie in Kirchners "Lupe"-Kinos vor, wird aber nur "Programme statt Filme" anbieten: Genre-Serien, Zyklen mit Filmen eines Regisseurs,-eines Schauspielers, einer Phase der Filmgeschichte, Kurzfilmstaffeln und "Filmprogramme aus Ländern, über die wir außer unseren Vorurteilen nur wenig wissen (etwa Israel, Kuba, Volksrepublik China, die Sowjet-Staaten, Südamerika)". Eine große Südamerika-Retrospektive als Randveranstaltung der Buchmesse wird den Anfang machen.

Hoffmann denkt an etwa 150 bis 200 solcher Kinos, die ihre Programme austauschen und wenigstens in den Großstädten Teil eines sogenannten "audiovisuellen Komunikationszentrums" sein sollten, mit Vorführmöglichkeiten für alle Filmformate, mit Schneidetischen, Videorekordern, Fachbibliotheken und Diskussionsräumen. Neben Frankfurt gibt es ähnliche Pläne für ein "Filmzentrum Berlin" und für ein "Filmkommunikationszentrum München".