Von Dietrich Strothmann

In Bremen hat nicht Brandt gewonnen und auch nicht Barzel verloren. Bremen ist nicht die Bundesrepublik. Leichtfertig wäre es, nach dem unerwartet haushohen Sieg der SPD in der Hansestadt (59 Mandate) und dem spektakulär mageren Erfolg der CDU (34 Sitze) Rückschlüsse solcher Art zu ziehen: Die Politik der Bonner Koalition finde bundesweite Zustimmung; um den Ausgang der Bundestagswahlen 1973 brauche es den Regierungsparteien nicht bange zu sein.

Zuviel spricht gegen derlei hochgemute Hoffnungen. In Bremen, dem kleinsten Bundesland und dazu einem Stadtstaat, waren nur etwas mehr als eine halbe Million Wähler an die Urnen gerufen worden. In zwei Jahren haben dagegen rund 40 Millionen zu entscheiden. In dieser überschaubaren Stadt, geprägt durch Tradition und Behäbigkeit, sind die Sozialdemokraten nun schon seit 24 Jahren am Ruder; das schafft Vertrauen unter Arbeitern wie unter Kaufleuten. Hans Koschnick, der SPD-Senatspräsident, ist zwar kein zweiter Kaisen, doch Amt und Ansehen haben ihm zu ähnlicher Autorität verholfen wie dem langjährigen Bürgermeister. Sein Konkurrent, der CDU-Spitzenkandidat Cassens, war vielen Bremern erst durch die Wahlplakate bekannt geworden. Schließlich ging es bei dieser Abstimmung in der Hauptsache nicht um die große Politik, sondern um Bremer Belange.

So falsch es also wäre, Bremen zu einem Bonner Barometer zu machen, so verfehlt wäre es, dieser Wahl und ihren Resultaten jede Signalwirkung abzusprechen. Dreierlei lehrt das Wahlergebnis von Bremen:

Reformpolitik, hier am Beispiel der Universität, ist kein Schreckgespenst, auch nicht für gutbürgerliche Kreise, die Experimenten sonst eher skeptisch gegenüberstehen. Ihre aufsehenerregenden Einbrüche erzielte die SPD gerade in den wohlsituierten Schichten, in denen die CDU ihr größtes Wählerreservoir hatte.

Radikalität, ein zweites Indiz, zahlt sich nicht aus, weder die rechte noch die linke. Nicht nur die NPD scheiterte, auch die Kommunisten blieben auf der Strecke.

Schließlich ist das Konzept der totalen Konfrontation – die bloßen Attacken gegen Brandts "Ausverkaufs"-Politik oder Schillers "chaotisches" Wirtschaftsprogramm – kein Wahlschlager. Die Bremer ließen sich weder von Strauß noch von Barzel einfangen, auch nicht von den Verteufelungsparolen gegen die "rote Kaderschmiede", wie sie die Reformuniversität nannten. So gesehen, war die Bremer Wahl doch eine Testwahl.